Von Friedhelm Gröteke

Das von vielen Italienern erwartete Spektakel blieb aus: Umberto Agnelli, leitender Vorstand der Fiat-Werke in Turin, trat nicht von seinem Posten zurück.

Dennoch wird die außerordentliche Sitzung des Verwaltungsrates vom 15. März 1974 in die Wirtschaftsgeschichte Italiens eingehen. An diesem Tag hat für Fiat eine Gnadenfrist begonnen, bei deren Ablauf nach Jahresfrist feststehen wird, ob das größte italienische Privatunternehmen unabhängig und lebensfähig bleibt. Der Verwaltungsrat wird bis dahin jeden Monat einmal den Herzschlag des Unternehmens genau abhören.

Halten die seit September 1973 eingetretenen Verluste bei Fiat im gegenwärtigen Ausmaß an und übersteigen sie im Jahresverlauf das Grundkapital der Muttergesellschaft von 150 Milliarden Lire (600 Millionen Mark), dann wird Fiat von öffentlichen Subventionen leben müssen und früher oder später unweigerlich in den Händen der Staatsindustrie enden. In Italien nennt man diesen Prozeß "irisieren", nach dem Staatskonzern IRI (Institut für industriellen Wiederaufbau), dem größten Mischkonzern Europas.

Die Eingliederung von Fiat in die italienische Staatsindustrie würde aber nicht nur das Ende eines privatwirtschaftlichen Konzerns mit 200 000 Beschäftigten und zehn Milliarden Mark Umsatz bedeuten. Sie würde vielmehr, praktisch das Schicksal der italienischen Privatindustrie überhaupt besiegeln. Denn Fiat ist das letzte autonome Zentrum von privater Wirtschaftsmacht in Italien. Außer der Autoindustrie werden fast alle Schlüsselindustrien ebenso wie das Bankensystem und der Großhandel von der Staatswirtschaft kontrolliert.

Vor diesem Hintergrund gewinnt die Erklärung des Fiat-Präsidenten Giovanni Agnelli, seine Gruppe werde sich dem Kampf um das Überleben als Privatindustrie stellen, grundsätzliche Bedeutung.

Die erste Runde in diesem Konflikt hat Fiat allerdings verloren. Nach vier Jahren ständiger Sozialkonflikte hatte der Konzern 1973 den Versuch unternommen, die Gewerkschaften für ein taktisches Bündnis zu gewinnen. Als fortschrittliches, sozial aufgeschlossenes Unternehmen wollte Fiat mit den Gewerkschaften zusammen für eine Reform der Staatsbürokratie und der verkrusteten Verwaltungsstrukturen des Landes eintreten.