Von Hans Mayer

Fast verächtlich schiebt Emil Staiger mit den ersten Sätzen des Vorworts zu seinem dreibändigen Goethe-Buch die Frage von sich: Hat er uns heute noch etwas zu sagen? Ironisch heißt es im Text vom Jahre 1952: "Mythische, tiefenpsychologische, soziologische, existentialistische Goethe-Bilder werden der Reihe nach aufgestellt. Ich lege Wert darauf zu erklären, daß hier nichts dergleichen geschieht."

Das Ziel seiner eigenen Arbeit, so meinte der schweizerische Literarhistoriker, sei dann erreicht, "wenn uns die Frage: Was hat uns Goethe heute zu sagen? angesichts seiner Wirklichkeit auf den Lippen erstirbt oder sich in die angemessenere verwandelt: Wie bestehen wir heute vor ihm?".

Allein, das ist keine Alternative. Beide Fragen sind falsch gestellt und widerlegbar. Staigers scheinbar so demütiges Postulat ist nicht frei von Bildungshochmut. Überdies weicht es allen notwendigen Begriffsbestimmungen aus. Was denn wäre unter Goethes "Wirklichkeit" zu verstehen? Wer sind "wir"? Auch für Staiger ging mit Goethes Tod im Jahre 1832 ein Goldenes Zeitalter deutscher Literatur zu Ende. Das Paradies stand am Anfang; dann kam bloß noch ein – stufenweiser – Abstieg. Werte und Werke aus dem Zeitalter der bürgerlichen Aufstiegsphase und Revolution werden absolut gesetzt. Über allem scheint das Wort "unwiederbringlich" zu stehen.

Die Gegenfrage: Was hat uns Goethe heute zu sagen? gibt sich auf den ersten Blick ebenso hochmütig, wie diejenige Staigers bescheiden zu sein schien. Allein hinter dessen Demut verbarg sich viel Bildungsstolz. Ein rauher Skeptizismus jedoch, der nach Goethes Tauglichkeit im Atomzeitalter fragt, verrät insgeheim Ratlosigkeit, auch Trauer. Dieser Kulturpessimismus ist nicht geringer als jener von Staiger. Was Goethe uns Heutigen zu sagen habe? Wer ist "uns"?

Man wird zwischen den Positionen der Systemerhaltung und Systemveränderung unterscheiden müssen. Für die verdinglichte Gesellschaft des individuellen Profits und Konsums wurden Kunst und Literatur, ihrerseits in Waren verwandelt, zum notfalls entbehrlichen Anachronismus. Der Satz von Karl Marx über die tief eingewurzelte Kunstfeindlichkeit der kapitalistischen Gesellschaft ist bestätigt worden. Eine Schule und Universität, die junge Menschen bloß auszubilden sucht für dies gesellschaftlich Bestehende, für die Fähigkeit nämlich zum Erwerb und Genuß all jener Gebrauchsgüter, die suggestiv und im Hochglanz angeboten werden, kann sich den Kunstwie Literaturunterricht mit guten Gründen sparen. Die Zeiten sind vorbei, wo Klassikerzitate in Antrittsreden einigen Eindruck machten. Kein Außenminister würde heute, wie Walter Rathenau auf der Friedenskonferenz von Genua, Petrarca zitieren wollen, noch dazu im italienischen Original.

Meist war es ehrlich gemeint, wenn deutsche Theater nach 1945 mit Lessings "Nathan der Weise" oder auch Goethes "Iphigenie auf Tauris" eröffneten. Gleichsam zur Weihe des Hauses. Objektiv war es verlogen, sah nach ungeschickter "Wiedergutmachung" im Literarischen aus. Außerdem wurden dadurch jene beiden in sich so widerspruchsvollen Werke, die nicht beruhigen können, sondern verstören müssen, wenn man sie mit der Wirklichkeit konfrontiert, zur Erbaulichkeit der schönen Verse und Gefühle degradiert.