Von Josef Joffe

In Genf läuft die zweite Runde der sowjetisch-amerikanischen Gespräche über die Begrenzung strategischer Waffensysteme (SALT II). Wie bei allen Abrüstungsverhandlungen steckt auch hier der Teufel im (technologischen) Detail. Genauer gesagt versteckt er sich in einer Fußnote des letzten Vierteljahresberichts des Pentagons, die eine Zuteilung von 221 Millionen Dollar für die Erforschung und Entwicklung einer dritten Generation von atomaren Mehrfachsprengköpfen unter dem Kürzel MARV (Maneuverable Re-entry Vehicle) bekanntgab.

Droht die technologische Revolution ihren politischen Zähmungsversuchen davonzulaufen? Schlägt SALT II in SUGAR (Strategy of Unlimited Growth of Armament Race) um – in eine Strategie der unbegrenzten atomaren Rüstung?

MARVs Vorfahren der ersten Generation waren die MRVs (Multiple Re-entry Vehicles), eine vergleichsweise simple Konstruktion, mit der eine Serie von Sprengköpfen wie eine Ladung Schrot auf das gegnerische Territorium verstreut werden konnte. In der zweiten Generation folgten die MIRVs (Multiple Independency Targetable Re-entry Vehicles), das heißt, Raketenladungen mit Gefechtsspitzen, in denen mehrere Sprengköpfe unabhängig voneinander in verschiedene Ziele gelenkt werden können. Mittlerweile sind die amerikanischen Minuteman-III- und Poseidon-Raketen damit ausgerüstet worden.

MARV (Maneuverable Re-entry Vehicle) ist das jüngste Produkt des waffentechnischen Perfektionsstrebens. Bei der MARV-Rakete können die verschiedenen Sprengköpfe auch nach der Trennung vom Hauptsprengkopf elektronisch ans Ziel geleitet werden. Sie sind das atomare Gegenstück zu den sogenannten Smart bombs, die bereits mit vernichtendem Erfolg in Vietnam und im Nahen Osten eingesetzt worden sind. In Verbindung mit Beobachtungssatelliten und den entsprechenden Computern wird der Kurs eines MARV-Geschosses noch während des Anflugs nachgesteuert. Diese Technik erlaubt einerseits generischen Anti-Raketen auszuweichen und ermöglicht andererseits eine radikal verbesserte Zielgenauigkeit.

Der erste, SALT-Vertrag scheint also die gleiche Dynamik freigesetzt zu haben wie das Washingtoner Flottenabkommen von 1922: Die ausgehandelten Höchstzahlen für schwere Schlachtschiffe schufen damals den perversen Anreiz, erst einmal bis zu diesen Plafonds aufzurüsten, und heizten die Konkurrenz in den nichtbegrenzten Kategorien der kleineren Flotteneinheiten an. SALT I war ein Interimsabkommen, das – auf fünf Jahre begrenzt – gewisse Höchstgrenzen für strategische Offensivwaffen und Anti-Raketen (ABM) festsetzte. Dabei räumten die Amerikaner den Sowjets eine zahlenmäßige Überlegenheit (1618:1054) in den Trägermitteln ein – in der fälschlichen Annahme, daß die andere Seite erst gegen Ende der siebziger Jahre in der Lage sei, die MIRV-Technologie zu meistern.

Trotzdem beschleunigte sich der Rüstungswettlauf. Die USA gab eine neue Atom-U-Boot- und Bombergeneration – die Trident und den B-1 – in Serie und forcierten den qualitativen Fortschritt à la MARV. Die mühselige Gleichung drohte jedoch völlig aus dem Lot zu geraten, als die Sowjets unerwartet MIRV’s zu testen begannen. Dadurch entstand die Gefahr einer sprunghaften Steigerung der bereits bestehenden quantitativen Überlegenheit der Sowjets.