Kommende Woche legt die neue Regierung ihr wirtschaftspolitisches Programm vor

Elf Tage bevor die Regierung Harold Wilsons mit ihrem neuen Haushaltsplan die Weichen für die künftige Wirtschaftsentwicklung in Großbritannien stellt, meldeten sich bereits gebetene und ungebetene Ratgeber zu Wort. "Das könnte die letzte Gelegenheit sein, die Rolltreppe zur Hyperinflation zu stoppen", orakelte das Magazin The Banker. Das Budget, das Schatzkanzler Healey kommenden Dienstag bekannt gibt, bedeute "die vielleicht letzte Chance für das parlamentarische System, mit Großbritanniens Wirtschaftsproblemen fertig zu werden".

Der in der Londoner City ansässige Banker will Arbeitslosigkeit in Kauf nehmen ("War da wirklich so viel Unzufriedenheit, als die Arbeitslosigkeit Ende 1971 auf eine Million anstieg?"), will die "schmerzhaften Nebenwirkungen" durch soziale Hilfen mildern und schickt sich sogar in eine stärkere Besteuerung der Reichen.

Ratschläge für den Schatzkanzler offerierte auch das Institut für Wirtschafts- und Sozialforschung. Die Londoner Ökonomen halten allerdings nichts von einer bewußten Konjunkturdämpfung, "denn mächtige deflationäre Kräfte werden im zweiten Halbjahr am Werke sein". Die Erhöhung der Ölpreise und die progressive Besteuerung würden dann Kaufkraft entziehen, und die schon beschlossene Kürzung der öffentlichen Ausgaben werde von der anderen Seite dämpfend wirken. Dann werde die Produktion durch unzureichende Nachfrage zurückgehalten.

Das Institut rechnet indes noch mit einer Beschleunigung des Preisauftriebs auf 14 bis 18 Prozent in diesem Jahr. "Es kommt nicht oft vor, daß eine Regierung mit der Möglichkeit konfrontiert ist, alle vier Hauptziele zu verfehlen: angemessenes Wirtschaftswachstum, Vollbeschäftigung, eine befriedigende Zahlungsbilanz und einigermaßen stabile Preise." Der Rat des Instituts: "Alles in allem wäre jetzt ein neutrales Budget am besten, vorausgesetzt, es besteht die klare Absicht, die Konjunktur im weiteren Verlauf des Jahres anzuregen, wenn die Arbeitslosigkeit weiter steigt."

Der Mann, der am 26. März mit seinem ersten Budget seinen Einstand als Schatzkanzler geben wird, ist der 56jährige Denis Healey, ein Berufspolitiker, der sich in der Mitte der politischen Strömungen der Labour Party hält, ein geschickter Debattierer, der seine Argumente mit Effekt vorbringt. Healey hat langjährige Ministererfah- bis 1970 verwaltete er das Verteidigungsressort rung. In den zwei Regierungen Wilson von 1964 und reorganisierte den militärischen Apparat.

Als ihm Wilson im Schattenkabinett das Schatzamt anvertraute, begann Healey, fleißig Ökonomie zu studieren. Er ging in die Cambridger "Schule", hörte auf die Professoren Kaidor und Neild und den Prognostiker Godley. Die Cambridger hatten schon früh das Unheil heraufziehen sehen. Sie bekämpften die Politik des konservativen Schatzkanzlers Anthony Barber. Und ihre Prognosen erwiesen sich bislang als ebenso düster wie genau. So hatte Barber zwar mit Steuersenkungen und Staatsverschuldung einen kurzlebigen Boom entfacht, doch der endete schließlich mit einem Rekorddefizit in der Zahlungsbilanz und einer Abwertung des Pfundes um fast zwanzig Prozent.