Von Beate Stern

Wer seinen Dackel auf offener Straße schlägt, erntet böse Schimpfworte von empörten Passanten. Doch kaum einer wird sich umdrehen, wenn jemand sein Kind verprügelt. Dies ist keine Übertreibung, denn tatsächlich scheint die Mehrzahl der Bundesbürger zu meinen, daß hierzulande Tiere gefährdeter und daher schutzbedürftiger sind als Kinder. So das Ergebnis einer Infas-Umfrage: Knapp 80 Prozent der Befragten halten Tierquälerei für eine der strafwürdigsten Verhaltensweisen, aber nur 60 Prozent finden die mutwillige Körperverletzung von Kindern verwerflich.

In der Bundesrepublik leben viele Kinder, die oft über Jahre hinweg von ihren Eltern mißhandelt und gequält werden, ohne daß Nachbarn, Familie oder Freunde daran Anstoß nehmen und versuchen, diesen hilflosen Kindern zu helfen.

Kürzlich wurde von einem Hamburger Gericht eine junge Frau wegen Kindesmißhandlung zu zwei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Sie hatte ihre siebenjährige Tochter fortwährend so geschlagen und gequält, daß das Kind täglich mit Blutergüssen und blauen Flecken übersät war, oft sogar schwere Verletzungen, wie eine Schnittwunde am Kopf, aufwies. Obwohl die Siebenjährige in die Schule ging und ständig mit Menschen Kontakt hatte, dauerte es eineinhalb Jahre, bis endlich jemand die Mutter anzeigte.

Es klingt kaum glaubhaft, aber viele Eltern schlagen mit Peitschen, Stöcken, Kohleschaufeln, Feuerhaken und Gardinenstangen auf ihre Kinder ein. Überbrühen mit kochendem Wasser, auf den heißen Ofen setzen, Brechen von Gliedmaßen, Ersticken, Hungern, Erfrieren – dies sind nur einige der Mißhandlungen, zu denen Eltern fähig sind. Selbst wenn die Kinder diese Mißhandlungen überleben, die davongetragenen Schäden sind oft irreparabel.

Aber noch grausamer als körperliche Schmerzen und in ihrer Wirkung meist erheblich intensiver sind seelische Qualen, die einem Kind zugefügt werden. Kontaktschwierigkeiten, Abfall der Intelligenz, tiefe Regression oder offene Aggressivität können die Folgen sein, wenn ein Kind stundenlang in dunkle Räume gesperrt, nachts auf die Straße gesetzt oder durch Androhungen der Eltern in panische Angst versetzt wird.

Der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, Professor Dr. Eberhard Schomburg, berichtete, daß im Jahre 1972 in der Bundesrepublik 103 Kinder im Vorschulalter von ihren Eltern zu Tode gequält worden sind. In jenem Jahr wurden 1500 Anklagen gegen Eltern erhoben, die ihre Kinder körperlich oder seelisch mißhandelt hatten. Exakte Angaben über Zahlen der mißhandelten Kinder fehlen. Das Dunkelfeld der Kindesmißhandlungen ist groß. Denn Nachbarn, die Verdacht schöpfen, bleiben meist untätig um des Hausfriedens willen oder aus Furcht, der Angezeigte könne sich durch eine Gegenanzeige wegen falscher Anschuldigung rächen. Kriminologen, Sozialwissenschaftler und Mediziner schätzen, daß alljährlich in der Bundesrepublik 30 000 Kinder schwer mißhandelt werden, wobei 1000 Kindesmißhandlungen tödlich verlaufen.