Günter Grass hat sich neulich bei den französischen Kommunisten unbeliebt: gemacht, weil er von ihrer gemeinsamen Front mit den Sozialisten nichts Gutes erwartet und dies in Paris auch offen ausgesprochen hat. In der Tat kommt es im Verkehr zwischen beiden Parteien immer wieder zu Unfällen und Pannen. Wenn diese mitunter auch nur episodisch sind, so sind sie doch nicht so unbedeutend, daß sie nichts bedeuteten. Sie erklären die Tatsache, daß die Mehrzahl der politisch Interessierten – einer Umfrage entsprechend – überzeugt ist, die Sozialisten könnten sich auf die Dauer unmöglich an die Vereinbarungen mit den Kommunisten halten.

In Evry, einer südlichen Vorstadt von Paris, sollte einer neuen Straße entweder der Name „Salvadore Allende“ oder „Alexander Solschenizyn“ gegeben werden. Der Gemeinderat entschied sich für den russischen Schriftsteller. Und dies offensichtlich auch mit der Stimme des sozialistischen Ratsmitgliedes.

Anderen Tages wandte sich die Sozialistische Partei mit einer Erklärung an die Öffentlichkeit: „Wenn wir als Sozialisten für die Meinungsfreiheit in politischen und literarischen Dingen eintreten, so bedauern wir doch lebhaft, daß der Name „Solschenizyn“ für antisowjetische Propaganda mißbraucht wird, durch die zugleich die Kommunistische Partei und die Union der Linken in dem Augenblick mißkreditiert werden soll, wo das gemeinsame Programm mehr und mehr den Hoffnungen der Franzosen entspricht.“

Ein einziger vielsagender Satz, der etwas über die Grenze aussagt, die im gemeinsamen Programm den Unterschied zwischen links und ganz links ausmacht.

Meinungsfreiheit? Ja (nach sozialistischer Überzeugung), nein (nach kommunistischer). Propaganda gegen die Sowjetunion? Nein (nach der Versicherung beider Parteien). Schadet Anti-Sowjet-Propaganda automatisch dem kommunistisch-sozialistischen Bündnis? Ja (nach der Ansicht aller Kommunisten und vieler Sozialisten). Und jetzt zu Solschenizyn Darf man ihn in Frankreich lesen? Ja (allseits). Ihn loben? (Teils ja, teils nein.)

Eine Straße nach ihm nennen? Großes Nein, kleines Ja. Muß man gegen solche Namensgebung protestieren, wenn es sich dabei um eine neue, große, viel begangene, viel gelesene Straße handelt? Großes Ja, kleines Nein.

Die Linie, die geheimnisvoll und wandelbar im gemeinsamen Programmgebiet Kommunisten und Sozialisten trennt, ist die Jein-Grenze.