Wenn es die Führer der Union für notwendig halten, ihre Anhänger vor Euphorie zu warnen, dann muß der Erfolg schon recht beträchtlich gewesen sein. In der Tat, die Kommunalwahlen in Rheinland-Pfalz haben den Trend von Hamburg weitgehend bestätigt: Große Gewinne der CDU, schwere Rückschläge für die SPD und eine mäßige Zunahme für die FDP, die aber die Verluste des Bonner Koalitionspartners bei weitem nicht wettzumachen vermochte. Vieles spricht dafür, daß sich dieser Trend fortsetzt.

Kein Wunder, daß die Parteien der Bonner Koalition überlegen, was sie falsch gemacht haben und was sie tun können, um diese Entwicklung zu steuern. Und es ist auch keine Überraschung, daß Politiker der FDP über Sinn und Zweck des Regierungsbündnisses nachzudenken beginnen. So hat zum Beispiel der nordrheinwestfälische Landesvorsitzende Riemer öffentlich darüber meditiert, wie lange sich die Liberalen, ohne ernsten Schaden zu nehmen, im „Verlustsog“ der SPD aufhalten könnten. Solches Nachdenken wird nicht zufällig von der CDU kräftig gefördert: Nach der Wahl in Rheinland-Pfalz hat der CDU-Vorsitzende Kohl die FDP ermahnt, ihre Einstellung zur CDU zu überprüfen.

Niemand kann die Union dafür tadeln, wenn sie versucht, die FDP ins eigene Lager herüberzuziehen. Kurzfristig verspricht dieses Verfahren eine weitere Verunsicherung der Bonner Koalition, von der die Opposition profitiert; langfristig empfiehlt es sich, weil die Union, falls sie nach der nächsten Bundestagswahl 1976 die Regierungsmacht zurückerobern wird, vermutlich eines Koalitionspartners bedarf.

Weniger einleuchtend indes scheint die Reaktion mancher FDP-Politiker, die sich durch solche Offerten geschmeichelt fühlen. Sie vergessen, daß der FDP-Wahlerfolg von 1972 vor allem deshalb zustande kam, weil die Partei als Korrektiv und als Koalitionspartner der Sozialdemokraten Profil und Ansehen gewonnen hatte. Gewiß, Koalitionen dauern nicht ewig, aber sie dürfen auch nicht das Objekt kurzfristiger taktischer Überlegungen sein. So schnell lassen sich die Wähler nicht herumschieben. Die FDP wäre deshalb gut beraten, wenn sie ihre Wähler nicht in Zweifel stürzte. Jetzt ist nicht die Zeit, über Fluchtwege aus der Koalition nachzusinnen; es kommt darauf an, dem Bonner Bündnis zum Erfolg zu verhelfen. Gelingt dies, dann steigen auch die Wahlchancen der FDP.

Im übrigen: Wer die Ablösung der Bonner Koalition will, gibt seine Stimme gleich der CDU und hält sich nicht erst bei der FDP auf. Es gibt gegenwärtig für die Liberalen keinen Fluchtweg aus dem Bonner Bündnis, der nicht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zum Untergang der FDP führen würde. R. Z.