Von Helmut Schneider

Ravensburg/Weingarten

In ehrlicher demokratischer Empörung" unterzeichneten Bürger aus Ravensburg und Weingarten einen offenen Brief an den badenwürttembergischen Kultusminister, in dem sie gegen den "nicht wieder gutzumachenden Schaden an einem der bedeutendsten Baudenkmäler des süddeutschen Raumes" protestierten. Ihre Empörung richtete sich gegen ein bereits baureifes Projekt: die Erweiterung der Pädagogischen Hochschule auf dem Martinsberg in Weingarten, in unmittelbarer Nachbarschaft der großartigen Klosteranlage aus dem achtzehnten Jahrhundert.

Die Unterzeichner des Ravensburger Protestschreibens, Ärzte und Architekten, Lehrer, Rechtsanwälte, Richter und Redakteure, hatten spontan reagiert – aufgeschreckt durch einen alarmierenden Bericht in der lokalen Presse. Ihr Einspruch war, was sie noch nicht wußten, ein wirkungsvoller Beitrag zu einer Kampagne, die schon internationales Ausmaß angenommen hatte. Sie will noch in letzter Minute "eine wahrhafte Gewalttat gegenüber einem der meistgeschätzten Bauwerke der westlichen Zivilisation" verhindern, wie Adolf K. Placzek, Professor für Architekturgeschichte an der New Yorker Columbia University, in einem dringlichen Appell an Kultusminister Hahn formulierte.

Zweifellos haben die plötzlichen Proteste, Warnungen und Interventionen von Fachleuten und Laien die Stuttgarter Landesregierung und die für die Planung verantwortlichen Ministerien völlig unerwartet getroffen – und auch betroffen gemacht. So ist sich die staatliche Bauverwaltung keiner Schuld bewußt, sie ist überzeugt, auch unter denkmalpflegerischen Gesichtspunkten das Mögliche getan zu haben.

Hans Belting, Heidelberger Ordinarius für Kunstgeschichte, hat in einem unmißverständlichen Brief an Ministerpräsident Filbinger den geplanten Eingriff in den Klosterbezirk Weingarten als "Kulturbarbarei" gebrandmarkt und den Vorgang einen "in der Bundesrepublik ziemlich einmaligen Skandal" genannt. Herbert Fecker, der Leiter der Bauverwaltung im Finanzministerium, fragt sich nun, wie es eigentlich geschehen konnte, daß die Behörden in aller Öffentlichkeit, ohne Geheimnistuerei, diese "Kulturbarbarei" über Jahre hinweg vorbereiten konnten, ohne daß jemand davon Notiz genommen hat.

Dies ist in der Tat der wirkliche Skandal: Man hätte wissen müssen, welche Gefahr mit dem Neubau auf das Kloster zukommt, aber man hat sich um das Problem nicht gekümmert. "Man" – das meint die, die heute protestieren, und den kulturpolitischen Ausschuß des Landtags, vor allem jedoch die Staatliche Denkmalpflege. Diese Institution hat bei der Aufgabe, Monumente zu schützen, in diesem Fall versagt, die Dinge treiben lassen und dadurch versäumt, zum frühesten Zeitpunkt Verbündete zu mobilisieren.