Mit Ulrich Becher hat das deutsche Publikum Mühe. Er gehört einer Schriftstellergeneration an, von der nicht viele übriggeblieben sind, und seine Prosa ist nicht auf einen Stil festzulegen; sie hat ebenso viele literarische wie unterhaltende Qualitäten, steht also zwischen den Fronten.

Becher ist als Halbschweizer 1910 in Berlin geboren, war Freund von Georg Grosz, über den er nicht nur viel geschrieben hat, sondern dessen Sinn für gesellschaftliche Groteske er auch teilt. Er kann sich rühmen, „der jüngste entartete Autor“ gewesen zu sein: Sein erster Erzählband, „Männer machen Fehler“, wurde 1933 verbrannt; Stationen der Emigration waren Wien, Zürich, Brasilien, New York. Seit zwanzig Jahren sitzt er in Basel in einem kleinen Etagenlogis, dort sind eine ganze Anzahl von Stücken, Romanen und Erzählungen entstanden, darunter das monumental-barocke Hauptwerk „Murmeljagd“.

In der „Murmeljagd“ gab es den Satz des Abbé Galiani: „Der Tod ist uns gewiß. Warum sollen wir nicht heiter sein?“; dieses Wort könnte als Leitsatz stehen über dem neuen Roman –

Ulrich Becher: „William’s Ex-Casino“, Roman; Benziger Verlag, Zürich, 1973; 310 S., 26,– DM.

Genau zwischen solchen Paradoxen bewegt sich Bechers Erzählung: Krieg im Frieden, Tod inmitten einer mediterranen Ferienlandschaft, eine komisch-groteske Liebesromanze mitten in einer hochpolitischen Kriminalstory.

Hitsch Kandrian, Gebrauchsgraphiker aus Zürich, sitzt im Hafen von Nizza bei einem Kognak (es gibt Kritiker, die weitschweifige Register von Bechers Alkoholika angelegt haben); er will Urlaub machen und wird in Politik verwickelt. Er wird Zeuge, wie sieben OAS-Finstermänner ein Attentat auf den algerischen Ex-Deputierten Dif Hafis Ben-Djéloul vorbereiten; es ist die Zeit der algerisch-französischen Verhandlungen 1961.

Hitsch Kandrian wird das Attentat nicht verhindern. Er hat viele Vermutungen und zu wenige Beweise. Politik ist etwas, das sich in einer alptraumhaften Mechanik vollzieht, und der einzelne ist gegenüber diesem Räderwerk machtlos. Hitsch Kandrian weicht aber auch in eine Liebesgeschichte aus, die ihn zu sehr in Anspruch nimmt: Er trifft die Jugendgeliebte Löux Hoeslin nach zwanzig Jahren wieder und läßt sich in die Peinlichkeit eines „linksbürgerlichen Ehebruchs“ hineintreiben.