„Gewonnen gegen Hitler“, von Marian Rogowski. „Über Juden dürfen nur Juden Witze reißen“; an diese Maxime, die mir – in einem von Juden dicht besiedelten Gebiet – vor und während des Zweiten Weltkriegs eingetrichtert wurde, mußte ich mich bei der Lektüre dieses autobiographisch-romanähnlichen Buches immer wieder erinnern. Seinem Helden, dem nur mit seinem konspirativen Decknamen genannten Wiktor, war es nach der Errichtung des Lemberger Gettos gelungen, seine Angehörigen und zahlreiche, von der Untergrundbewegung ausgewählte Personen mit Hilfe von falschen Papieren in die Ukraine und später, nach dem Zusammenbruch der Ostfront, nach Rumänien zu schleusen und ihnen das Leben zu retten. Er tat es in der Uniform eines Wehrmachtsleutnants; die falschen Papiere, die er selber ausstellte, waren Marschbefehle für die Strecke Lemberg–Kazatin–Dnepropetrovsk beziehungsweise Kazatin–Zmerinka–Odessa–Bukarest. Um die Eintönigkeit der auf gut 260 Seiten erzählten Reisen von und nach Lemberg aufzulockern, berichtet Wiktor (er und der Autor sind nicht auseinanderzuhalten) immer wieder über unvorhergesehene Zu- und Zwischenfälle und – erzählt Witze. Bei der Rettung seiner alten Mutter und einer anderen Dame sagt er zum Beispiel: „Aber was machten wir mit unseren Müttern, die zusammen einhundertzwanzig Jahre alt waren! Wenn sie einige hundert Jahre älter gewesen wären, hätte man sie getrost als Mumien aus Ägypten in die Ukraine transportieren können. Man hätte einfach einen Sonderausweis ausgestellt: Wiktor Sage reist mit zwei Mumien von Kairo über Ankara, Bukarest, Zmerinka nach Dnepropetrovsk und zurück ... Vielleicht hätte man damit Erfolg gehabt. Doch für Mumien waren unsere Mütter entschieden zu jung.“ Solche Witze sollten sich nicht einmal Juden erlauben, zumal dann, wenn sie nur dem Zweck dienen, etwas „Abwechslung“ in einen zähflüssigen Text zu bringen. Man liest also das Buch mit unguten Gefühlen. Freilich: Als dokumentarischer Bericht hätte sich dieses Material, ein Vierteljahrhundert danach, nicht verkaufen können; so mußte es in die Romanform gekleidet werden – mit allen sich daraus ergebenden peinlichen Konsequenzen. (Aus dem Polnischen von Peter Lachmann; Rogner & Bernhard, München, 1973; 267 S., 26,–DM.) Mario Szenessy

„Butzbacher Autorenbefragung – Briefe zur Deutschstunde“, herausgegeben von Hans-Joachim Müller. Dieses Buch ist eine Ermunterung und Warnung. Eine Ermunterung: Ein Lehrer treibt mit einer Arbeitsgemeinschaft am Butzbacher Weidig-Gymnasium lebendigen Deutschunterricht, sucht Autoren auf, lädt sie ein. Daraus entsteht eine Umfrage: Schüler erkundigen sich bei mehreren hundert Autoren nach der Rolle des Schriftstellers in der Gesellschaft, nach Anerkennung und Ablehnung, nach persönlichem und politischem Engagement. Ein „Schulbeispiel“, und die hohe Zahl der Antworten beweist, wie sehr Schriftsteller, meist einsam, darauf warten, von jemandem ausgefragt zu werden, und vor allem von der Jugend. – Die Warnung: so viele Autoren, so viele Meinungen und Auskünfte – verlegen, hinhaltend, ausweichend, platt und klug, sanft und forsch, man könnte vor soviel unfreiwilliger Exhibition einen Selbstekel bekommen und künftig jede Antwort dieser Art verweigern. Es kommt hinzu, daß die Autoren nicht schrieben, um gedruckt zu werden: der Buchplan entstand erst später. So ist eigentlich nur der autobiographische Essay von Golo Mann literarisch „zitierbar“. Wie ja überhaupt Persönlichkeitsbild und Temperament der Briefschreiber stärker hervortreten als ihre Stellung in der Gesellschaft oder der „kleiner werdende Spielraum, je dringender man aufs Geldverdienen angewiesen ist“ (Ahlsen). Daß die Frage sich brieflich „in einem Hut“ (Spoerri) nicht beantworten läßt, wissen die meisten und verweisen aufs Werk – von Günter Eich bis Ernst Jünger. Statt dessen in Biographien zu stöbern erscheint einigen wie „Nachbars Fernsehen durch die Wand hören“ (Christa Reinig). Verbindend scheint mir das Bedürfnis nach Kommunikation, das die mehr oder weniger kurze Briefantwort überdauert. (EhrenwirthVerlag, München, 1973; 237 S., 19,80 DM.)

Martin Gregor-Dellin