Ausführlich berichtete Rudi Arndt, Oberbürgermeister von Frankfurt und Mitglied des SPD-Unterbezirksvorstandes, dem SPD-Vorstand in Bonn über die Lage in seiner Stadt. Als er am Ende war, kam keine Diskussion auf. Worüber hätte man auch noch reden sollen? Sein Bericht gehörte zum Tagesordnungspunkt „Die aktuelle Situation in der SPD“. Und die Frankfurter Lage hat Signal Wirkung. Nach Parteitagen des SPD-Unterbezirks und Vorstandswahlen kommen schon seit Jahren die kommentierenden Beobachter zu dem Ergebnis: ein Linksruck.

Aber das ist nur die halbe Wahrheit, die linke Trennwand ist nämlich schon erreicht. Eine „neue Mitte“ formiert sich aus den „Linken von Gestern“.

So ist ein verwirrendes Bild entstanden. Die „Bürgerschrecks“ von gestern, wie etwa Rudi Arndt, können kaum noch im Mittelfeld eingeordnet werden. Beim letzten Parteitag, vor einigen Wochen, stand der parlamentarische Staatssekretär im Bildungsministerium, Fred Zander, in einem Nebenraum an der Theke und verfolgte mit entspannter Gelassenheit die Vorstandswahlen. Er war nicht mehr im Spitzenspiel. Nicht allein, weil ihn die Arbeit in Bonn voll in Anspruch nimmt. Zander gehört nach den Kategorien der Frankfurter Sozialdemokraten nicht nur zu den Etablierten, er steht auch schon am Rande des linken Spektrums der Stadt. Da reichte es nur noch zu einem Beisitzer-Posten. Rudi Arndt im Saal beteiligte sich nicht an der Diskussion über den Jahresbericht, Tummelplatz für Vorstands-Profilierung, um seinen Favoriten, Bürgermeister Solch, durch eigenes Engagement nicht in Gefahr zu bringen. Solch, ein Repräsentant der Formation „Mitte links“, sollte nach Arndts Intentionen als erster Mann an der Spitze der Frankfurter SPD ein Element des Ausgleichs darstellen.

Doch seine Zurückhaltung konnte die Entwicklung nicht aufhalten: Erster Vorsitzender wurde nicht Rudi Solch, sondern der Wortführer des linken Flügels, Fred Gebhart. Der Oberbürgermeister mußte es wieder einmal erleben, daß ihm die Frankfurter Genossen vors Schienbein traten.

Die ständige Linksverschiebung hat neue Konflikte geschaffen. Innerhalb der SPD müssen sich jetzt die Linken gegen unerwünschte Unterstützung durch linksradikale Gruppierungen außerhalb der Partei zur Wehr setzen. Die Doppelstrategie, die Mobilisierung der Basis, hat neue Problemstellungen gebracht. Noch vor kurzem wurden die regierenden Sozialdemokraten auf Parteitagen wegen früherer Fehler regelmäßig „verprügelt“, und diese kritische Position vor allem der Jungsozialisten hat die außerparlamentarische Universitäts-Linke mobilisiert. Nach den blutigen Demonstrationen konnte man sich zwar von provokatorischer Gewalttätigkeit distanzieren; ein hoffnungsloses Unternehmen mußte es dagegen werden, den außerparteilichen Hilfstruppen klar zu machen, daß es auch für die SPD-Linke nur die Möglichkeiten einer mühsamen und langwierigen Reformpolitik geben könne.

Am Anfang hatte man die Besetzung leerstehender Häuser noch als gerechtfertigt angesehen, um soziale Konflikte demonstrativ bewußt zu machen. Heute führen Frankfurts linke Sozialdemokraten, geschockt durch die Gewalteruption, einen komplizierten Zweifrontenkrieg: Gegen die „Bremser“ in der eigenen Partei und draußen gegen die „ohnmächtigen terroristischen Minderheiten-Gruppen, die objektive Helfershelfer der Reaktion sind“.

Als Bremser galten vor allem die Wiesbadener Regierungs-Sozialdemokraten, die als Antwort auf die Demonstrationen Millionen für eine Verbesserung der Ausrüstung der Frankfurter Polizei bewilligten. In der Schußlinie steht auch der Frankfurter Polizeipräsident Knut Müller, der sich vor seine Beamten stellt und, so heißt es, nur schwer zu bewegen ist, einen Beitrag zum Abbau der gegenseitigen „Feindbilder“ zu leisten.