Von Hans Eckart Rübesamen

Das Seefahrtsmuseum in Mariehamn gehört nicht zu den touristischen Essentials der Inseln. Mir war es zufällig auf das Besuchsprogramm geraten, wegen Regen. Viel christliche Seefahrt wurde da vorgeführt, in Teak, Kupfer, Hanf und mit dem Duft der sieben Weltmeere. Doch erst ein vergleichsweise bescheidenes Photo brachte die Phantasie des Verlegenheitsbesuchers in Bewegung. Es zeigte die Reede von Mariehamn und auf ihr an die fünfzehn ankernde Windjammer. Aus der Bildunterschrift ging hervor, daß vor gut vierzig Jahren die Reeder von Mariehamn noch echte Windjammer über den Indischen Ozean nach Australien geschickt hatten. Nicht aus Sportgeist oder Sentimentalität, sondern um Getreide nach Europa, zu holen und an der Fracht zu verdienen. Und weil es an Nutzlast für die Hinreise schon fehlte, wurde Ballast geladen – Steine, die vor der Küste des fünften Kontinents ins Wasser gekippt wurden.

Was müssen das für Menschen gewesen sein, diese Ständischen Reeder, die mit Sparsamkeit und Starrsinn den Lauf der Welt aufzuhalten glaubten? Die es nicht zulassen wollten, daß diese dreckigen, qualmenden Dampfer ihre stolzen Windjammer vom Weltmeer und aus dem Geschäft verdrängten – mochten sie zehnmal schneller sein. Die Konterfeis hängen ebenfalls im Museum: Eine Mischung aus Konsul Buddenbrook und Reichskanzler Stresemann, Köpfe von evidenter Härte und Charakterfestigkeit, unangefochten von Zweifeln am eigenen Wert und an der eigenen Position im Leben. Angesichts des Starrsinns, der da aus vierzig oder fünfzig Augenpaaren auf ihn niederblickt, schrumpft der Besucher zusammen, der spätgeborene Weichling.

Ein anderes Stück aus der Welt von vorgestern liegt noch am Kai von Mariehamn: die Viermastbark Pommern. Das Schwesterschiff von Pamir und Passat ist erst 1903 auf Kiel gelegt worden. Wer sich eine Vorstellung von dem fabrikhallengroßen Bauch eines Vollschiffs und von einem echten Zwischendeck machen will, sollte sie sich unbedingt ansehen.

Der Reeder, der damals der größte in Mariehamn war, hieß Gustav Eriksson, wie der erste schwedische König der Neuzeit, Begründer der Wasa-Dynastie. Ein Dickkopf auch er, aber ein erfolgreicher. Gustav Erikssons gibt es viele auf den Ålands-Inseln, im Telephonbuch von Mariehamn erscheint der Name an die vierzigmal.

Mariehamn, 9000 Einwohner, ist die Hauptstadt der Inselgruppe. Als russischer Badeort vor über hundert Jahren gegründet, rühmt es sich einer prachtvollen Lindenallee – „Stadt der 1000 Linden“ – und wirkt ansonsten eher provinziell verschlafen. Doch dieser Eindruck trügt. Mariehamn ist der zweitgrößte Hafen in Finnland nach Helsinki; ein Drittel der finnischen Handelstonnage ist hier zu Hause. Die inländischen Reeder jedenfalls sind wach und wissen ihre günstige Verkehrslage an den Transitwegen zwischen Schweden und Finnland zu nutzen. Statt alter Windjammer durchpflügen jetzt ihre modernen Fährschiffe die Wasser der Ostsee, der Baltischen See, des Bottnischen Meerbusens.

Die Ålands-Inseln gehören zum finnischen Hoheitsgebiet, haben aber einen autonomen Status mit Selbstverwaltung und ohne Militärpflicht. Ihre 22 000 Einwohner – Landwirte, Seeleute, nur noch wenige Fischer – sind überwiegend schwedischer Herkunft. Das hat für den Reisenden aus Deutschland einen unbestreitbaren Vorteil. Er kann nämlich die attraktiven finnischen Briefmarken auf seine Ansichtskarten kleben, muß sich aber nicht an finnischen Straßennamen und Speisekarten wundbuchstabieren. Wer Hastigketsbegränsnig mit Geschwindigkeitsbegrenzung und Brandslang mit Feuerschlauch flüssig übersetzen kann, darf sich hier schon fast wie zu Hause fühlen.