Nach alter Tradition setzt der Staat für die Wirtschaft politische Prioritäten

Von Klaus-Peter Schmid

Der königliche Kaufmann Legendre hätte es sich wohl nie träumen lassen, daß er eines Tages in die Geschichte eingehen würde. Als Finanzminister Jean Baptiste Colbert ihn fragte, wie er zum Erfolg seiner Geschäfte beitragen könne, antwortete der selbstbewußte Bürger des Sonnenkönigs Ludwig XIV: „Laßt machen, laßt laufen, Exzellenz. Die Welt funktioniert von selber.“

Ob die Wirtschaft wirklich von selber funktioniert, darüber streiten kluge Köpfe seit drei Jahrhunderten. Doch im Lande Colberts selbst weiß man mit dem liberalen „laissez faire, laissez aller“ Legendres nicht allzuviel anzufangen. Im Gegenteil: Die Franzosen konnten sich nie ganz von der Tradition des Colbertismus freimachen. Seit dem 17. Jahrhundert vertrauen sie der lenkenden Hand des Staates mehr als dem freien Spiel der Marktkräfte.

Ursprünglich bedeutete das: Schutz der Wirtschaft durch Zölle und Förderung des Gewerbes durch Staatshilfen. Diese beiden Grundprinzipien finden sich heute noch in der französischen Wirtschaftspolitik. Marktmechanismen gelten mehr denn, je als zufällige, korrekturbedürftige Erscheinung, auf der sich keine Politik aufbauen läßt. So nimmt es nicht wunder, daß Marktwirtschaft für die Franzosen im Grunde ein Fremdwort geblieben ist.

Die meisten Finanzminister der Fünften Republik (wie Pinay, Baumgartner, Giscard d’Estaing) hängen sich zwar gern das Etikett „liberal“ um. Doch ihre Politik reihte sich fast nahtlos in die lange französische Tradition des Dirigismus ein. Mit steigenden Inflationsraten wurde der Glaube an die korrigierende Intervention des Staates noch bestärkt.

Ohne die geringsten Zweifel erklärt heute Jacques Delors, Wirtschaftsexperte unter dem früheren Premier Chaban-Delmas: „Die Kräfte des Marktes sind derart blind und irrational geworden – es gehen von ihnen nicht einmal mehr ernstzunehmende Signale aus –, daß die Unternehmen mit ihnen nichts mehr anfangen können.“