Die Freiheit des Fernsehens steht zur Diskussion und zur Disposition

Von Dietrich Strothmann

So abwegig ist die Frage nicht: Geht es Merseburger an den Kragen? Oder anders, gründlicher gefragt: Ist für jene, denen der "Panorama"-Leiter (seit 1967) und Fernseh-Chefredakteur (seit 1968) des Norddeutschen Rundfunks schon seit langem ein rotes Tuch ist – den Stoltenbergs und Echternachs also –, die günstige Gelegenheit gekommen, den "Abtreibungs-Apologeten" ins Abseits zu treiben, ihm den Laufpaß zu geben? Ende des Jahres, immerhin, läuft Merseburgers Vertrag aus. Welche große Chance demnach für den Verwaltungsrats-Vorsitzenden und in der letzten Bürgerschaftswahl siegreichen Hamburger Oppositionschef Jürgen Echternach, seine Mannschaft gegen eine Vertragsverlängerung für den unbotmäßigen Merseburger zu mobilisieren. Schützenhilfe von auswärts ist ihm gewiß.

Denn kaum hatten sich die neun Intendanten der in der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Rundfunkanstalten (ARD) zusammengeschlossenen Landessender in München des "Panorama"-Falls halber versammelt, wußte bereits das Ordinariat des bayerischen Kardinals Döpfner zu melden: Der gerade gekürte NDR-Hausherr Martin Neuffer sei mit seiner Magazin-Mannschaft ohnedies unzufrieden. Und weder die CDU in Bonn, noch ihre Landesverbände in Schleswig-Holstein und Niedersachsen werden auch nur eine Träne vergießen, wenn sie ihren Kritiker auf dem "Panorama"-Stuhl endlich los sind.

Versuchung zur Vorzensur

Dieser Stuhl freilich im NDR-Fernsehzentrum von Hamburg-Lokstedt – gebunden an den zwischen Kiel, Hannover und Hamburg geschlossenen Staatsvertrag – war stets eher ein Schleudersitz: Erst mußte Gert von Paczensky gehen (1963), dann im selben Jahr Rüdiger Proske, danach wären Eugen Kogon (1964) und Joachim Fest (1966) an der Reihe. Schon im Oktober 1963 hatte sich der damalige CDU-Sprecher und jetzige Kieler Staatssekretär Arthur Rathke gerühmt: Seiner Partei sei es "dann und wann" gelungen, Fernseh-Journalisten "abzuschießen". Und 1969 empörte sich der CDU-Bundesschatzminister Kurt Schmücker: "Die Merseburgers haben sich Fouls erlaubt, die auf jedem anständigen Fußballplatz mit Feldverweis geahndet werden."

Doch nicht nur die Magazin-Matadore kamen und gingen, je nach Gefallen oder Mißfallen. Immer dann, wenn es einer Sendung wegen vor allem in CDU-Kreisen zu hitzigem Streit kam, wurden gleich auch andere Dinge zur Diskussion, sogar zur Disposition gestellt: die Gebührenerhöhung oder der Staatsvertrag. Der Pressions-Möglichkeiten also auf den unter Feuer genommenen Intendanten gab es stets genug. So auch diesmal: Der Kardinal aus dem Süden, Julius Döpfner, und der Ministerpräsident aus dem Norden, Gerhard Stoltenberg, verlangten im Zuge ihrer "Panorama"-Schelte "personelle Konsequenzen".