Von Klaus-Peter Sehmid

Paris, im März

Paris ist wieder einmal sehr mit sich zufrieden. Nach Henry Kissingers Schelte für die widerspenstigen Europäer und nach Richard Nixons Brandrede von Chicago ist Frankreichs Außenminister mehr denn je davon überzeugt, daß er von Anfang an recht hatte. "Die französische Analyse war richtig", erklärte zu Beginn dieser Woche der Sprecher des Quai d’Orsay.

Seit dem Ausbruch des Nahostkrieges sind Frankreichs Diplomaten dabei, sich dies zu bestätigen. Daß sie weder während noch nach dem Krieg um ihre Meinung gefragt wurden, erfüllte sie mit Mißtrauen gegen die USA wie gegen die Sowjetunion. Schon im November zog Außenminister Jobert vor der Westeuropäischen Union Bilanz: "Der Dialog zu zweit und die dadurch bedingte Ausschaltung der Länder Europas wirkt sich auf den Entspannungsprozeß aus." überflüssig zu sagen, daß Paris diese Auswirkungen sehr negativ sah. Die alte Befürchtung wurde wieder laut, Europa werde von den USA dominiert und nicht als gleichwertiger Partner akzeptiert.

Das arabische Ölembargo und Präsident Nixons Einladung zu einer Energiekonferenz bestärkte noch Frankreichs Bedürfnis nach Selbständigkeit. Paris ging davon aus, daß gerade in der Energieversorgung die USA nicht gleichzeitig die eigenen Interessen und die der Europäer vertreten könnten. Paris drängte auf ein gemeinsames Konzept der EG-Länder, doch in Washington brach die provisorische Front der Europäer schnell zusammen, zumal die Gastgeber mehr über Weltpolitik als über Öl reden wollten. Michel Jobert stellte seine Partner (vor allem die Bundesrepublik) vor die Alternative "Europa oder Amerika", und Helmut Schmidt sah sich genötigt, seine Präferenz für die USA demonstrativ zu unterstreichen.

Doch kaum waren die Europäer wieder zu Hause, da taten sie genau das, was auch die Deutschen den Franzosen in Washington als Todsünde angekreidet hatten: Sie schlugen zwanzig Ölländern eine langfristige Kooperation vor – ohne die USA. Washington reagierte hart. Kissinger forderte die Führungsrolle für die "stärkste Nation der nichtkommunistischen Welt" – und wiederum sah sich Paris in seiner Analyse bestätigt. Jobert erklärte: "Die Vereinigten Staaten behaupten immer, daß sie ein ,unabhängiges‘ Europa wollen. Aber als Europa unabhängig handeln wollte oder diskutieren wollte, da war Mister Kissinger gar nicht davon angetan. Was will er eigentlich in Europa haben? Partner oder Domestiken?"

Diese Frage zeigt auch, was die Franzosen eigentlich wollen: ein Europa, das nicht nach Amerikas Pfeife tanzt. Das Problem ist nur, daß die französische Diplomatie mit ihren undiplomatischen Methoden Probleme geschaffen hat, wo vorher keine waren. Plötzlich drohte Präsident Nixon unverhohlen mit dem Abzug seiner Truppen aus Europa. Und Jobert hatte nichts Eiligeres zu tun, als den Konflikt weiter zu verschärfen: Die Stationierung der amerikanischen Truppen in Europa sei für Frankreich "keine fundamentale Angelegenheit".