Als Abschlußdaten der Niederschrift dieses Romans notiert Montherlant zwei Termine im Frühjahr und Sommer 1970. Wenige Jahre vor seinem Freitod vollendet, hätte demnach –

Henry de Montherlant: „Ein Mörder ist mein Herr und Meister“, Roman, aus dem Französischen von Ernst Sander, mit einem Nachwort von Jean Delay; Ullstein Verlag, Berlin, 1973; von S., 28,– DM

als „Alterswerk“ des bei seiner letzten Tat sechsundsiebzigjährigen Académie-Preisträgers zu gelten. Aber dieses Faktum teilt sich dem Leser stilistisch und moralisch nicht mit. Auch Zeit und Hintergrund der Handlung (Algier 1928) sowie die scheinbar arrogante Einstellung des Autors zur elenden Hauptfigur des Berichtes lassen an die Jugendjahre Montherlants denken.

Ende der zwanziger Jahre wird Montherlant auf einer Straße der Hauptstadt von einem „chlochard“ angesprochen. Er fühlt sich belästigt, erkennt in der Jammergestalt aber den Bibliotheksangestellten Exupère, mit dem er vor einiger Zeit einen geistreichen Gedankenaustausch und von dem er wertvolle wissenschaftliche Informationen empfangen hat. Sein Interesse flammt auf; er lädt den Desperado zu einem Imbiß ein, läßt sich dabei dessen ungereimte Geschichte erzählen und steckt ihm zum Abschied noch einen Obolus zu. Mehr konnte er für den Unglücklichen nicht tun, tröstet er sich später. Nach diesem Zusammentreffen geht Montherlant „zu seinem Vergnügen“ in das Land, von dem Exupère beteuerte, es habe sein Leben zerstört: nach Nordafrika. Dort empfängt er Briefe von Exupère, Notschreie um finanzielle Unterstützung. Aber den Briefen fehlt die Adressenangabe. So kann der Autor dem Mann beim besten Willen nicht helfen. Seine Nachforschungen ergeben: Ein Landstreicher namens Exupère sei in einem Provinzkrankenhaus eines „natürlichen Todes“ gestorben.

Montherlants Roman „Ein Mörder ist mein Herr und Meister“ versteht sich als protokollierende Rekonstruktion der inneren und äußeren Umstände, die Exupères geistigen Zusammenbruch, seinen Niedergang und Tod herbeigeführt haben. Der in diesem Roman geschilderte Fall ist eine Krankengeschichte. Nach der psychiatrischen Diagnose des Acadèmie-Mitgliedes Professor Delay, von dem Montherlant ein Nachwort erbat, handelt es sich um ein mustergültiges Beispiel für die Paranoia der Sensitiven, „die man, um jede Doppelsinnigkeit zu vermeiden, besser den Beziehungswahn der Sensitiven nennen müßte“. Der Fall, wie Montherlant ihn beschrieb, sei so scharf modelliert, daß man in der Psychiatrie fortan den Typus Exupère werde als exemplarisch handhaben können.

Was der Spezialist für Nervenleiden, den nur der „Fall“ interessiert, mit Fug übersieht und was der Hochmut des Autors verschleiert, können Montherlants Leser erraten: daß die zentralen Figuren und magischen Panoramen des Dichters spiegelbildhafte Kunstprojektionen von mentalen Zuständen sind, die der Autor in sich selbst erfahren und durchgespielt hat; Verästelungen gleichsam jener heroisch-asketisch-erotischen Narzissus-Gebärde, deren transzendentale und sinnliche Dramaturgie Montherlant in Literatur und Leben bis zum dunklen Finale anzuwenden verstand.

Auch die nicht weibische, sondern gynandrische Unterwerfungsbegierde des tapferen Kümmerlings Exupère verwirklicht sich erst durch seine wollüstige Beziehung zu dem statutenhaft aufgebauten Herrenmenschentum des „Chefs“ Saint-Justin, der seinerseits, um als Sadist comme il faut glänzen zu können, die Devotion eines Opfertieres benötigt, eines Tiermenschen, der das Opfer, das in ihm reift, bewußt nicht darbringen kann. (Noch einmal und immer wieder: das alte Stierkampf-Trauma des jungen Montherlant.)