Einen Tiefpunkt der amerikanisch-europäischen Beziehungen zeigt die Philippika an, die Präsident Nixon am vergangenen Freitag über den Atlantik schickte. Die Europäer, so sagte er in Chicago, könnten nicht beides haben: militärische Sicherheit durch die Vereinigten Staaten und zugleich Konfrontation in wirtschaftlichen und politischen Fragen. Unzweideutig forderte Nixon als Äquivalent für den Nuklearschirm und die Truppenstationierung „günstigere Bedingungen für unsere Produzenten“. (Siehe Dokumente der ZEIT)

Der Schock in den meisten Hauptstädten der Europäischen Gemeinschaft war um so größer, als nur wenige Stunden vorher, aber noch rechtzeitig für die Samstag-Presse, konziliante Äußerungen Henry Kissingers herübergedrungen waren. Er entschuldigte sich für herbe Kritik an den Europäern und sagte: „Ich bedaure meine Bemerkungen. Sie leisteten keinen Beitrag zum atlantischen Dialog.“

Obwohl sich die Bundesregierung in Bonn am wenigsten von Nixons Kritik angesprochen glaubt, reagierte sie betroffen und besorgt, war aber zugleich darauf bedacht, den Streit nicht weiter zu verschärfen. So drang Außenminister Scheel darauf, daß beide Seiten eine bessere Methode der Konsultation und Information erarbeiten sollten. Unausgegesprochen wurde damit eingestanden, daß die Amerikaner über die einseitigen europäischen Kooperationsabsprachen mit den Arabern verärgert sind.

Regierungssprecher Grünewald erklärte, es gebe nun keine Pläne mehr für eine baldige Begegnung zwischen Bundeskanzler Brandt und Präsident Nixon, da der Präsident klargestellt habe, daß er im April nicht nach Europa kommen werde.

Die Opposition richtete im Parlament eine Dringlichkeitsanfrage an die Regierung. Ihr Sprecher Wörner wollte wissen, wie die Regierung die jüngste Krise im atlantischen Bündnis beurteile und was sie zu tun gedenke, um die „ernste Entwicklung“ in der Nato zu steuern und „mit Vorrang“ das Vertrauensverhältnis zu den Vereinigten Staaten wiederherzustellen.

Für Konsultationen mit den europäischen Partnern sah die Bundesregierung schon in dem für Donnerstag vorgesehenen Besuch des neuen britischen Außenministers Callaghan eine erste Gelegenheit. Am 4. und 5. April wird Präsident Pompidou in Bonn erwartet.

Selbst in Paris hat die rasche Zuspitzung des atlantischen Verhältnisses überrascht, wie sich aus den Pressekommentaren von rechts bis links ergibt. Doch zeigte der Quai d’Orsay demonstrativ Gelassenheit. Außenminister Jobert stellte fest, die Allianz stehe nach wie vor auf zwei Beinen; er sehe keine Aussicht, daß sie auf einem Bein vorankommen werde.