Horst Eberhard Richters neues Buch über Gruppenerfahrungen

Von Hans Krieger

Eas wäre geschehen in jenem Juli 1972, als Karl Schiller, im Kabinett in einer wichtigen Sachfrage überstimmt und dadurch in seiner Star-Würde gekränkt, den Krempel hinwarf und seinen Ruf als Politiker ruinierte – was wäre geschehen, wenn der Bundeskanzler einen Gruppendynamiker zu Rate gezogen hätte, welcher der zerstrittenen Regierungsmannschaft hätte helfen können, die Verquickung von Sachentscheidungen und politischen Positionen mit Rivalitätskonflikten und persönlichen Selbstwertproblemen zu durchschauen und zu entwirren?

Auch dieses Gedankenexperiment findet sich in dem neuen Buch des Gießener Psychoanalytikers Horst Eberhard Richter, das die Thesen seines Erfolgsbuches „Die Gruppe“ mit neuen Argumenten entfaltet und, differenzierter, aber mit ungebrochenem Elan, weiterspinnt an der „Hoffnung auf einen neuen Weg, sich selbst und andere zu befreien

Horst Eberhard Richter: „Lernziel Solidarität“; Rowohlt Verlag, Reinbek, 1974; 320 S., 18,50 DM.

Undenkbar, daß eine Regierung, schon gar in Zeiten des parlamentarischen Patt und bevorstehender Neuwahlen, riskieren könnte, was in den USA einen tüchtigen Senator die Kandidatur für die Vizepräsidentschaft kostete: das Einbekenntnis, psychologischer Hilfe bedürftig zu sein oder gewesen zu sein. Die Opposition hätte ihren Wahlschlager und das Volk vermutlich Angst: von unerschütterlichen Übermenschen will es regiert sein, nicht von „labilen Neurotikern“.

Eine abwegige Überlegung? Ein belangloses Detail von bloß anekdotischem Reiz, willkürlich herausgegriffen aus einem Buch, das zwar von Politischem handelt, aber auf einer ganz anderen Ebene als der von Kabinettssitzungen und Ministerrücktritten? Vielleicht. Aber der Weg führt von hier rasch ins Zentrum des Richterschen Buches. Und ein paar Stufen tiefer ist die politische Nutzanwendung mit Händen zu greifen: Was sich derzeit in vielen SPD-Ortsvereinen abspielt an Zerwürfnissen und Gruppenkämpfen, an Rechthaberei und Mißtrauen, schreit geradezu nach dem Psychoanalytiker – bei allem aufs Psychologische nicht reduzierbaren ideologischen Dissens über Ziele und Strategien.