Unsere Generation hat vom Kalten Krieg nur gehört, und doch sind auch wir seine Opfer. Schneller als die Eltern haben wir uns daran gewöhnt, DDR statt Ostzone zu sagen. Wir haben in der Schule oder von den Verwandten viel von den Leuten „drüben“ gehört, von ihrer Unfreiheit und ihrem Weg zum Sozialismus. Wir können den nächsten Zug nach Paris nehmen, sind in wenigen Stunden dort, und auf die Idee, nach Leipzig zu fahren, kommen wir erst gar nicht.

Was sollten wir mit den Gleichaltrigen in der DDR besprechen, welche verbindende Grundlage hätten wir außer der, Deutsche zu sein? Jedes Gespräch mit den bedauerten oder belächelten „Blauhemden“, die in ihrer biederen Uniformität so anders sind als wir und denen so viel vorenthalten wird, artet nur zu oft im vorurteilsbeladenen, politischen Zweikampf aus. Gleichgültigkeit, vielleicht sogar Abneigung herrschen auf beiden Seiten, und die Gelegenheiten, Kontakte zu vertiefen, sind noch viel zu spärlich. Die Jugend der beiden deutschen Staaten spricht nicht mehr die gleiche Sprache, weil sie nie miteinander sprechen konnte, und dies ist nicht ihre Schuld.

Es wird Zeit, daß beide Seiten sich kennenlernen, nicht nur, weil wir die gleichen Großväter haben. Hartwig H. Neumann, 20 Jahre

Jahrelang korrespondiere ich schon mit meiner Kusine in Suhl. In den letzten Pfingstferien lernte ich sie endlich mal persönlich kennen. Wir sind gleich alt und verstanden uns auf Anhieb unerwartet gut. Über fast alles konnte ich mit ihr sehr offen reden.

Solche Kontakte empfinde ich keineswegs als peinliche Belastung, im Gegenteil, sie sind recht eindrucksvoll, in vieler Hinsicht jedoch bedrückend. Dieses „bedrückend“ läßt sich vielleicht an Hand unserer Gespräche erklären. Sie gingen nie über eine bestimmte Grenze hinaus. Bei den Themen Politik oder „das Glück, einen Ferienplatz an der Ostsee zu bekommen“, wurde meine Kusine merklich stiller. Ging es um Westdeutschland allgemein oder um die „Hasch- und Verbrecherwelle“, stellte ich fest, daß sie eine total falsche, festgefahrene Meinung hatte. Erwähnenswert scheint zum Beispiel noch, wie grundlegend sich das Deutsch der „jungen Pioniere“ von dem unsrigen unterscheidet.

Andrea Förster, 15 Jahre

Sicherlich liegt mir Paris näher als Leipzig, denn wer fährt schon gern in ein „Gefängnis“. Spätestens an den bewachten Stacheldrahtzäunen spürt man die nackte Wirklichkeit. Dort hört jede Freude auf. Ich fühle mich nicht der älteren Generation verbunden. Aber warum soll die Jugend beider Völker unter einem Krieg der Alteren leiden? Mein DDR-Ferienaufenthalt bewies mir: Die jungen Leute von „drüben“ sind nicht schlechter als wir. Ich verstand mich prima mit ihnen. Klaus Wallat, 17 Jahre