ZEIT: Die OECD hatte zu Beginn der Ölpreiskrise ausgerechnet, daß die höheren Ölpreise bei allen Mitgliedsländern Kaufkraft in Höhe von durchschnittlich 1,5 Prozent des Sozialprodukts abschöpfen werden. Führte dieser Deflationseffekt tatsächlich zu dem befürchteten Nachfrageausfall?

Emminger: Der sogenannte „Deflationseffekt“ der Ölhausse dürfte sich als theoretische Seifenblase herausstellen. Denn erstens hatten wir in der Weltwirtschaft im vergangenen Jahr eine starke inflatorische Übernachfrage. Selbst wenn also durch die Ölhausse tatsächlich 1,5 Prozent Kaufkraftentzug eintreten würde, so hätten wir deswegen noch lange keine Deflation, sondern höchstens eine etwas verringerte Nachfrageinflation.

Zweitens sehen wir, daß fast überall die zusätzliche Teuerung, die durch die Ölkrise ausgelöst wurde, voll durch entsprechend erhöhte Lohnsteigerungen kompensiert wird. In der Bundesrepublik zum Beispiel sind die Nominaleinkommen durch die laufende Lohnrunde um weit mehr gegenüber den ursprünglichen Vorausschätzungen aufgebläht worden, als die Kaufkraftabschöpfung durch die Ölhausse ausmachen würde, dementsprechend vergrößert sich auch die Defizitfinanzierung der öffentlichen Haushalte.

Drittens sehen wir in der Weltwirtschaft, daß die Länder mit Zahlungsbilanzdefiziten die zusätzliche Belastung durch die Ölhausse einfach durch entsprechend erhöhte Inanspruchnahme von internationalen Krediten finanzieren, also keineswegs ihre innere Nachfrage entsprechend einschränken.

Und viertens bleiben die Ölmilliarden der Erdölländer keineswegs eingefroren, sondern fließen auf die internationalen Geld- und Kapitalmärkte zurück und werden dort unter Umständen sogar sehr virulent.

ZEIT: Die Sorge, es könnte wegen des ölbedingten Nachfrageausfalls zu einer weltweiten Rezession kommen, hat sich also als falsch herausgestellt?

Emminger: Diese Sorge wird sich als übertrieb ben herausstellen. Wir haben zwar mit einer vorübergehenden Abkühlung in der Weltwirtschaft zu rechnen. Aber der Hauptgrund dafür liegt nicht in dem ölbedingten Nachfrageausfall, sondern darin, daß wichtige Länder, wie die Vereinigten Staaten, die Bundesrepublik und Japan, unabhängig vom Ölproblem teilweise schon im Vorjahr mit einer Politik der Inflationsdrohung begonnen haben. Immerhin können wir aber 1974 mit einer Wachstumsrate im Welthandel von etwa 6 bis 7 Prozent (preisbereinigt) rechnen, was in früheren Zeiten schon als ganz gutes Ergebnis gegolten hätte.