Von Gottfried Sello

Museum ist noch möglich", sagt Direktor Hugo Borger und überreicht vierzehn Tage nach Eröffnung des Römisch-Germanischen Museums dem 100 000. Besucher den obligaten Blumenstrauß. Ein spektakulärer Erfolg: Bedeutende Kunstmuseen wie die Hamburger Kunsthalle haben im Schnitt 100 000 Besucher pro Jahr. Auch das vermelden die Kölner mit Stolz: Das neue Museum mußte mehrmals wegen Überfüllung geschlossen werden. Das gibt es allenfalls bei internationalen Großausstellungen, wenn in London die Schätze des Tut-ench-Amun gezeigt und ehrfürchtige Besuchermassen schubweise zum Defilee zugelassen werden.

Demgegenüber hat Köln nichts auch nur annähernd Vergleichbares zu bieten. Das Material ist alles andere als archäologisch sensationell. Viele und gerade die "besseren" Objekte sind ohnehin längst bekannt, sie waren, auf ein Dutzend Notunterkünfte in der Stadt verteilt, der Öffentlichkeit zugänglich. Das Dionysos-Mosaik war gleich neben dem Dom zu besichtigen an der Stelle, wo es 1941 beim Bunkerbau zufällig entdeckt wurde. Es stand obenan auf der Liste der Kölner Sehenswürdigkeiten, bevor das Römisch-Germanische Museum über dem Mosaik und um das Mosaik herum gebaut wurde. Es liegt im Untergeschoß, Mittelpunkt und Basis des Gebäudes. Daneben steht das fünfzehn Meter hohe Grabmal des Poblicius. Es wurde erst aufgefunden, als das Museum schon im Bau war, das Haus wurde den Maßen des Grabmals nachträglich angepaßt. Eine Treppe führt um das Mosaik herum und an dem Grabmal empor, man kann das eine wie das andere von allen Seiten, von oben und unten sehen.

Aber auch diese beiden Hauptstücke des Museums sind künstlerisch nichts Exzeptionelles. Die Antikensammlungen in Berlin und in München haben weit mehr an Spitzenwerken zu bieten. Und gerade darin liegt die Chance des Kölner Museums, die von Hugo Borger und seinem Team großartig wahrgenommen wurde. Das Museum zeigt, was die Römer am Rhein hinterlassen haben, was in Köln, im Kölner Boden gefunden und ausgegraben wurde, und das ist eher quantitativ als qualitativ überwältigend. Die Kölner Archäologen konstatieren diesen vermeintlichen Mangel gelassen und mit Befriedigung, und sie gewinnen daraus den Ansatz für eine lokal eingegrenzte Archäologie, die nicht auf Qualität fixiert ist. Köln, das römische Köln, die "Colonia Claudia Ära Agrippinensium", war nicht das Rom des Nordens, zu dem es die ältere Archäologie hochstilisiert hatte, das war es oder wurde es im späten Mittelalter. In der Römerzeit war es eine bescheidene Grenzstadt, an der äußersten Peripherie des Imperiums, ein Provinznest, und was hier, weitab von der Kapitale, produziert wurde, hatte provinzielles Niveau.

Um so besser, sagen die Kölner Museumsleute, die das Wort provinziell und Provinzialität nicht als Makel und wertminderndes Kriterium ansehen. Das Provinzielle paßt genau in ihr progressives Konzept. Das Römisch-Germanische Museum ist ein Heimatmuseum ohne primär künstlerische Intentionen. Es appelliert, und mit größtem Erfolg, an das Geschichtsbewußtsein der Kölner oder einfach an ihren Familiensinn.

Archäologie ist in Köln eine Art Freizeithobby. Ganz Köln ist eine riesige archäologische Grabungsstätte, und was die Wissenschaftler ans Licht fördern, wird in den Kneipen kolportiert. Ständig werden Römerfunde von Laien aus dem Boden gegraben, die im Museum begutachtet und gegebenenfalls erworben werden. Das neue Museum hat den Enthusiasmus fürs Römische, diese spezifische Form von Lokalpatriotismus, in seine Pläne einkalkuliert. Das zeigt sich in der Art, wie die Dinge, die Fundstücke, die musealen Objekte präsentiert und interpretiert werden.

Das Dionysos-Mosaik wird nicht als ein isoliertes, ein mehr oder weniger qualitätsvolles Beispiel römischer Mosaikkunst des 3. nachchristlichen Jahrhunderts vorgeführt, es ist ein Dokument, ein Ereignis der Kölner Stadtgeschichte. Es gab Mosaiken mit der gleichen weinseligen Thematik in den Villen wohlhabender Bürger im gesamten Mittelmeerraum, die ein römisches Muster repetieren, das wiederum auf ein griechisches Original zurückgeht.