Von René Drommert

Endlich – nach den Küstenstädten Casablanca und Agadir – das, wonach der Reisende Ausschau hält: das Echte, Urwüchsige und Unverfälschte. Oder etwa nicht? Wie war es doch, in den ersten Marokko-Tagen, am Atlantik, im Hotel. internationalen Zuschnitts (wenn auch marokkanischen Dekors) gewesen? Da hatte man am Abend im spärlich beleuchteten Souterrain gesessen, der sich „Night-Club“ nannte, hatte, bei einem Wermut, der zehn Dirham (6,60 Mark) kostete, eine Tänzerin auftreten gesehen, der man Bewegungsreichtum nicht nachsagen kann: Drehungen und Drehungen, und dieses Zurückbeugen des Oberkörpers in die Diagonale bei gleichzeitigem Stützen der Hände auf den Boden, und dieses Zucken mit Schultern und Hüften, und wieder Drehungen und Drehungen: für den Fremdenverkehr kommerzialisierte Erotik in kleinen Häppchen. Ursprünglichkeit? Weggewischt.

Dann endlich, nach einigen Zwischenstationen im Hohen Atlas, Kontakt mit einem Afrika, das, auch im tänzerischen Bezirk, der Überfremdung und dem Verfall machtvoll getrotzt hat. Ouarzazate, elfhundertsechzig Meter über dem Meeresspiegel, vom Hotel aus sind Gebirgsketten mit Schnee zu sehen, der in der Sonne prahlerisch glänzt, Massive, überdacht von einem Himmel in zaghaftem, resignierendem Kobaltblau. Es ist kalt, es weht ein scharfer Wind, die Zentralheizung im Hotelzimmer wird voll aufgedreht, es zieht durch alle Ritzen:

Am Abend dann Besuch in einem marokkanischen Etablissement. Allerdings auch hier, wo der Reisende an jenem Ziel angelangt ist, das Unverfälschtheit und Authentizität heißt, auch hier wird Folklore nicht wie ein natürliches Element präsentiert, sie wird, mit Spekulation auf den Effekt beim Touristen, zelebriert: ein Edelstein, in Blei gefaßt.

Wir, belgische und deutsche Journalisten, werden schon am Eingang von drei Marokkanerinnen begrüßt, die, stehend, das Tamburin schlagen oder in die Hände klatschen. Wir setzen uns dann in einem seitlichen Raum auf niedrige Lederkissen, nicht Stühle, um runde Tische, fünf, sechs Gäste um eine Tafel, und wir essen nicht nur afrikanische Gerichte, wir essen sie, soweit’s glückt, auch auf afrikanische Weise. Auf einer großen, kreisrunden Schale das Hauptgericht: Hirse, gekochtes Fleisch, Gemüse. Mit der Sauce, die, Vorsicht, Vorsicht, scharf wie die Hölle brennt, muß man umzugehen wissen, na gut. Das Wichtigste aber: Es wird mit keinem Besteck, keiner Gabel und keinem Löffel gegessen, sondern mit den „Pfoten“. Also: ein paar Dutzend europäisch bleicher Finger greifen, wühlen sich in den duftenden, dampfenden, schmackhaften Haufen hinein, soweit es die Hitze nur zuläßt.

Die europäischen Gäste mokieren sich natürlich nicht, sie sind ja gekommen, um das wirkliche Afrika zu erleben, nicht ein touristisch zurechtgestutztes, verfälschtes. Sie verziehen keine Miene, sie wühlen mit Gelassenheit und Haltung im Gemeinschaftsbrei herum und schaufeln Fleisch, Gemüse und Hirse in die begierigen Münder. Hier ist man auf etwas Elementares und Zwingendes gestoßen, dampfende Lebendigkeit. Der Augenblick hat einen diskreten Zug ins Feierliche und Weihevolle. Da beugt sich plötzlich, um das Wohl oder doch wenigstens um die Zustimmung seiner Gäste besorgt, der Geschäftsführer des Hauses zu den hockenden und eifrig schmausenden Besuchern herab: ein Marockaner in tadellosem europäischen Smoking, smart lächelnd wie der routinierteste Manager in Rom, Paris oder Wien.

Nach dem Essen Umzug in die große Halle, wo an den Seiten Stühle für die Gäste aufgestellt sind. Es wird getanzt. Der Tanz, ahouach genannt, ist eines der kapitalsten Ereignisse unserer Reise. Zwei Dutzend Frauen bilden, stehend, einen Halbkreis oder Dreiviertelkreis, in der Mitte hocken zwanzig Männer mit Tamburinen. Die Frauen, in vielfarbige, mit Fiebeln zusammengehaltene Schleiergewänder gehüllt, intonieren einen Gesang, aus der Gruppe der Männer kommt ein durchdringender Schrei, die Tamburine werden ohrenbetäubend in Tätigkeit gesetzt, unisono, in scharfen, ruckartigen Rhythmen. Die Frauen, von den Ältesten ihres Geschlechts angeführt, setzen sich, die Kreisform wahrend, langsam in Bewegung, sich nur ein wenig, nicht animierend wie im „Night-Club“, wiegend in den Schultern und Hüften, sich leicht rückwärts beugend. Etliche der Frauen singen ein Lied: