Von Michael Globig

Ölkrise hin, Energiekrise her – wenn die Ursachen der Erdölverteuerung in den letzten Monaten auch nur teilweise zu durchschauen waren, so hat die Krise doch eins klar gezeigt: So billig wie bisher wird es Energie fortan nicht mehr geben. Passé sind die sicher scheinenden Perspektiven der künftigen Energieversorgung, für die noch im vergangenen Herbst folgender Zeitplan galt: Innerhalb der nächsten zwei Jahrzehnte wird die Steinkohle allmählich durch Atomenergie ersetzt und dreißig Jahre später entsteht Strom ausschließlich in Kernkraftwerken. Die Wärmeversorgung dagegen wird bis zum Ende des zwanzigsten Jahrhunderts völlig auf Öl umgestellt.

Dieses Konzept war gleichbedeutend damit, daß der Ölimport der Bundesrepublik von gegenwärtig etwa 120 Millionen Tonnen pro Jahr auf 400 Millionen Tonnen jährlich ansteigt. Verknappung und Verteuerung des Rohöls werden eine solche Expansion der Einfuhren kaum zulassen. Hingegen sollte unschwer zu erreichen sein, daß man die Importmenge auf dem gegenwärtigen Stand einfriert und Öl nicht mehr vorwiegend verheizt, sondern ausschließlich zu Roh- und Treibstoffen verarbeitet.

Dann freilich muß ein Ersatz für die Wärmeerzeugung aus der ölverbrennung gefunden werden (gegenwärtig dienen höchstens 10 Prozent des Erdöls der Strom-, 60 Prozent jedoch der Wärmeerzeugung – der Rest wird zu chemischen Roh- und zu Treibstoffen verarbeitet). Über diesen Ersatz grübelt seit Jahren Professor Rudolf Schulten nach – mit Erfolg.

„Ich hab’ seit jeher eine unglückliche Liebe zur Wärme gehabt“, gesteht der fünfzigjährige Pfeifenraucher in seinem bescheidenen – wenngleich komfortabel eingerichteten – Barackenbau, dem Institut für Reaktorwerkstoffe an der Kernforschungsanlage (KFA) Jülich. Schon 1957, so erinnerte ihn unlängst ein amerikanischer Freund, hatte Schulten bei seinem ersten Vortrag in den USA über die nukleare Wärmeerzeugung gesprochen. Damals – zwei Jahre, nachdem es der Bundesrepublik erlaubt worden war, sich mit der friedlichen Nutzung der Kernenergie zu beschäftigen – arbeitete der Heisenbergschüler bereits intensiv an den Plänen für eine deutsche Hochtemperatur-Reaktorentwicklung, als deren geistiger Vater er inzwischen gilt.

Sein Kugelhaufenreaktor, seit 1968 als Versuchskraftwerk in Jülich in Betrieb und gegenwärtig in Schmehausen bei Hamm auch als leistungsfähiger Prototyp in Bau, machte ihn weltberühmt – man spricht vom „Schultenreaktor“ – und trug ihm den Otto-Hahn-Preis ein.

Hervorstechende Eigenart dieses Reaktors: Der nukleare Brennstoff besteht aus winzigen, mit Kohlenstoff überzogenen Partikeln aus Uran- und Thoriumkarbid (bzw. -oxid), die wie Schrotkörner in tennisballgroße Graphitkugeln eingebettet sind. Etwa 100 000 solcher Kugeln bilden den Inhalt des AVR-Versuchsreaktors in Jülich. Da die Kugeln langsam durch den Reaktorenkern hindurchlaufen, unten abgezogen und je nach Abbrand entweder wieder in den Reaktor zurückgegeben oder zur Aufbereitung weitergeleitet werden, muß man einen solchen „Atommeiler“ beim Brennstoffwechsel nicht stillegen. Die 15-Millionen-Watt-Anlage in Jülich hat denn auch – trotz ihres Versuchscharakters – eine extrem hohe Verfügbarkeit, sie arbeitet etwa an 310 von 365 Tagen des Jahres.