„Wir brauchen nicht etwa Strom besonders dringend, sondern Wärme“ – aus dieser Einsicht heraus will sich Professor Schulten mit westfälischer Hartnäckigkeit für seine ADAM- und EVA-Konzepte einsetzen, will er seine ganze Kraft dazu benutzen, Politiker zu überzeugen.

„Wenn ich der liebe Gott wäre“, so Schulten, „dann würde ich in zwei Jahren mit dem Bau von zehn (dieser besonders risikoarmen) Hochtemperaturreaktoren beginnen, die schon 1980 Prozeßwärme liefern könnten. Vielleicht gelingt es mir, Freunde in aller Welt dafür zu interessieren, solche Anlagen gemeinsam zu entwickeln und in Serie zu bauen.“ Daß tatsächlich Interesse da einer Gemeinschaftsarbeit vorliegt, zeigt unter anderem der kürzliche Zusammenschluß deutscher Firmen zu einer „Arbeitsgemeinschaft Nukleare Prozeßwärme“.

Außerdem arbeitet die KFA Jülich zusammei mit den Rheinischen Braunkohlenwerken und der Essener Bergbauforschungsgesellschaft an einen Entwicklungsprogramm für die Kohlevergasung in Hochtemperaturreaktoren. Von den 800 Millionen Mark, die der Bund bis 1977 für die Energieforschung zur Verfügung stellen will (weitere 150 Millionen Mark soll das Land Nordrhein-Westfalen und 500 Millionen Mark die Privatindustrie beisteuern), werden allein 616 Millionen in die technologische Entwicklung der Kohlevergasung und -verflüssigung gesteckt.

Aber auch an die Zeit nach der Kohle denkt das Schulten-Team in Jülich. Dann könnten Hochtemperaturreaktoren dazu benutzt werden, Wasser wirkungsvoll und billig in seine Komponenten Wasserstoff und Sauerstoff zu zerlegen. Zum Beispiel über eine Reaktion, bei der Eisenoxide zusammen mit Schwefeloxid und Wasser zu Eisensulfat und Wasserstoff verwandelt werden. Dieser Wasserstoff kann als Treibstoff dienen (in den USA arbeiten Firmen bereits an der Entwicklung Wasserstoffgetriebener Autos und Flugzeuge), kann zur Reduktion von Eisenerzes verwandt oder mit Sauerstoff bei großer Hitzeentwicklung verbrannt werden (zu Wasser!).

Das Konzept setzt also ebenfalls die Existenz von Hochtemperaturreaktoren voraus. In der Bundesrepublik entsteht gegenwärtig am Ostrand des Ruhrgebiets der 300-Millionen-Watt-Prototyp einer solchen Anlage. 1976 soll sie in Betrieb genommen werden. Aber schon jetzt hat die deutsch-amerikanische Hochtemperatur-Reaktor-Baugesellschaft (HRB), die für den Reaktorteil dieses neuen Kernkraftwerks verantwortlich zeichnet, weitere Pläne: Sie will ein 1160-Megawatt-Kernkraftwerk vom gleichen Typ errichten, das neben dem schon bestehenden Kohlekraftwerk und dem neuen 300-MW-Hochtemperaturreaktor bis 1980 in Schmehausen gebaut werden soll. Allerdings sieht die Gesellschaft vor, diesmal nicht das Schultensche Kugelhaufenkonzept zu verwenden, sondern auf ein Verfahren des amerikanischen Ölkonzerns Gulf zurückzugreifen: Die beschichteten Brennstoffpartikel werden statt in Kugeln in sechseckige Graphitstäbe eingebettet.

Der Grund für diese Entscheidung; Die Firma Gulf, die zwar bisher auch nur einen Versuchsreaktor nach diesem Prinzip betreibt, hat ein Prototyp-Kraftwerk fast fertiggestellt und kann sechs weitere Optionen vorweisen. Sie ist also in der industriellen Entwicklung den deutschen Konkurrenten um ungefähr drei Jahre voraus. Unter anderem deshalb, weil sie als großer Konzern das unternehmerische Risiko eines solchen Sechs-Milliarden-Mark-Projektes allein tragen kann, während in der Bundesrepublik dafür die Hilfe der Regierung in Anspruch genommen werden muß.

Bedauert Professor Schulten diese Entwicklung, die plötzlich von seinem so erfolgversprechenden Kugelhaufenreaktor wegzuführen scheint? „Es stört mich nicht, daß die Konkurrenz diesen Auftrag bekommen hat, der so eindeutig auf die Strom- und nicht auf die Wärmeerzeugung zielt.“ Denn: Auf dem Elektrizitätssektor hat Schulten schon seit geraumer Zeit keine Hoffnung mehr, mit seinem Reaktor auf den Markt zu kommen. „Doch wir brauchen nicht nur Strom, sondern vor allem Wärme. Für die ausschließliche Wärmeerzeugung aber ist das Gulf-Konzept nicht geeignet.“

Deshalb resigniert Rudolf Schulten keineswegs, „Gulf kann sich vermutlich erst in zehn Jahren mit der Prozeßwärme beschäftigen. Bis dahin hat die Bundesrepublik ihren Vorsprung auf diesem Gebiet sicher ausgebaut.“ Das jedenfalls hofft er. Möge diese Hoffnung nicht enttäuscht werden. Immerhin ist das EVA-ADAM-Konzept das einzige Projekt, das nicht die Verbrennung eines Rohstoffes, sondern nur seine Ausnutzung als Energie-Transportmedium zum Ziel hat.