ZDF, Montag, 18. März: „betrifft: Fernsehen von Joachim Obst

Seit mehr als zehn Jahren werden auf dieser Seite zwei Forderungen gestellt. Forderung Nummer eins: Das Fernsehen möge beispielhaft demonstrieren, daß die Bildschirmrealität eine technisch zubereitete und nicht eine naturwüchsige Wirklichkeit ist. Forderung Nummer zwei: Das Fernsehen möge der Gewohnheit romantischen Glotzens durch die Bestellung von Kritikern entgegenwirken, die das Programm von Zeit zu Zeit analysieren – nicht nur in der Zeitung, wohlgemerkt, sondern im gleichen Medium: Was, Freunde vorm Bildschirm, hat man da eigentlich mit uns gemacht in den letzten zwei Stunden?

Am vergangenen Montag wurde die erste dieser beiden Forderungen erfüllt. Erfüllt – zur besten Sendezeit, im ZDF, um 19.30 Uhr – mit einem Maß von Intelligenz, Freimut und didaktischem Geschick, das Bewunderung verdient.

Ein Aufklärungsstück in drei Akten. Erster Akt: zwei Männer, Helmut Greulich und Joachim Obst, erläutern das Projekt. Sie berichten, daß eine Gruppe von Zuschauern die Produktion jenes Films kritisch verfolgt habe, der gleich, in der Sendereihe „Aus Forschung und Technik“, ablaufen werde. Thema: Die Energiekrise, das Öl und das Auto. Die beiden Männer – dies will betont sein – erklären nicht nur die Faktoren des Projekts (wer die Zuschauer sind, wann und unter welchen Bedingungen gedreht worden ist), sondern interpretieren auch ihre eigene Stellung im Rahmen des Unternehmens. Wir zwei, sagen sie, sind Abhängige – den Bedingungen des Fernsehens unterworfen, der Technik, den Interessen, dem Apparat.

Zweiter Akt: die Zuschauergruppe verfolgt die Produktion der Reportage. Im Gespräch mit dem Autor werden abermals Abhängigkeiten erkennbar. Es zeigt sich, in welchem Maße die Selbstzensur (was wird mein Abteilungsleiter sagen?) bis hin zur Schnitt-Technik über die Herstellung von Fernsehfilmen befindet. Eine Hierarchie zeichnet sich ab, ein ferner Intendant und eine noch fernere Lobby gewinnen zumindest andeutungsweise Kontur. Ästhetische Prinzipien erweisen sich als Normen von Produzenten, die nicht anecken möchten: Alles muß möglichst glatt sein, ein vertrauter Bildrhythmus, keine Ecken und Kanten. Je gewohnter, desto ungefährlicher, heißt die Devise. Je allgemeiner, desto besser. Von kleinen Leuten darf man sprechen, von Konzernen nicht.

Dritter Akt: die Zuschauergruppe analysiert den Film, der sie selbst während der Produktionsarbeiten zeigt. (Auch hier ein Höchstmaß von Redlichkeit. Die Tatsache, daß es sich nicht um eine Live-Diskussion, sondern um eine Aufzeichnung handelt, wird ausdrücklich erwähnt.) Der Erkenntnisprozeß setzt sich fort. Wieviel hatte man gesagt und gefragt in der Gruppe – und wie wenig blieb davon übrig! Zusammenhängendes atomisiert. Die Atmosphäre zerstört. Ein Text ohne Kontext. Keine Vermittlung zwischen Bild und Bild. Aneinandergereihte Resultate. Ergebnisse im luftleeren Raum. Jede Einzelheit richtig, und das Ganze verfehlt!

Genau dies aber – die Möglichkeit, die Natur durch eine Summierung von naturgetreuen Details zu entstellen, wollte die Sendung betrifft: Fernsehen enthüllen. Eine Sendung, in der die Einzelheiten richtig waren – und das Ganze auch. Objektivität, wurde gezeigt, gibt es unter den gegebenen Verhältnissen im Fernsehen nicht. Jeder Bericht ist Einstellungssache. Einstellung im doppelten Wortsinn. Momos