Um zu zeigen, wie sehr auch sie auf der Höhe der Zeit ist, veröffentlichte die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) kürzlich eine "Zusammenstellung der im Jahre 1973 in Schwerpunktprogrammen und im Normalverfahren geförderten umweltrelevanten Vorhaben". 73 Seiten lang ist die Liste der im vergangenen Jahr von der DFG unterstützten Forschungsprojekte, die in irgendeine Beziehung zum Umweltschutz zu bringen sind.

Da Umweltrelevanz heute vielfach ebenso wie Gesellschaftsrelevanz als Gütesiegel für Forschung gilt, steht die DFG als fortschrittlicher Forschungsförderer gut da. Doch die Liste offenbart auch, wer in diesem Punkte nicht gut dasteht: die Soziologen, die Vertreter jenes Faches, das mit "Gesellschaftslehre" übersetzt werden kann.

Die Liste der Umweltvorhaben, nach Sachgebieten unterteilt, umfaßt neben Abschnitten wie "Luft", "Wasser", "Lärm" auch eine Gruppe von Projekten, die unter der Rubrik "Soziologische Fragen" läuft. Auf den Seiten 66 bis 69 sind 15 Projekte verzeichnet, in denen umweltrelevant soziologische Fragen angegangen wurden. Nur: Soziologen sind an diesen Forschungsarbeiten nicht beteiligt gewesen.

Siebenmal firmieren als Antragsteller für Förderungsmittel Geographen und siebenmal Vertreter ganz verschiedener Fachrichtungen – vom Forstdirektor bis zum Architekturprofessor. Für das 15. Projekt zeichnet ein Professor verantwortlich, dessen Fachgebiet wenigstens das Wort sozial enthält: ein Wirtschafts- und Sozialpsychologe.

Weshalb interessieren sich Soziologen nicht für Aspekte des Umweltschutzes, die ihr Fach berühren? Fürchten sie die Nähe der nach exakten Ergebnissen strebenden Naturwissenschaftler? Oder haben sie einfach Wichtigeres zu tun?

Wie man Soziologen locken kann, mag sich die DFG gefragt haben, als sie jetzt ein Schwerpunktprogramm beschloß, das in diesem Jahr mit 800 000 Mark gefördert werden soll: "Integration der Frau in die Berufswelt." Angegangen werden sollen speziell die Probleme "Konkrete Formen der Benachteiligung" und "Mechanismus ihrer Perpetuierung". Als Köder wirft die DFG nicht nur schickes Vokabular aus. Den Teilnehmern wird auch in Aussicht gestellt, daß sie bislang verborgene Konflikte bloßlegen können. Aufzuklären sei, so heißt es in der DFG-Mitteilung, weshalb die Benachteiligung von den Frauen "hingenommen und nicht in Konfliktverhalten umgesetzt" werde.

Daß! es gesellschaftsrelevant ist, herauszubekommen, warum Menschen mehr oder weniger aggressiv sein sollten, versteht sich fast von selbst: "Die wissenschaftlichen Ergebnisse des Schwerpunktprogramms sollen – den verantwortlichen Entscheidungsträgern in Politik, Wirtschaft und Verwaltung Grundlagen zu Maßnahmen zur Veränderung der Situation der berufstätigen Frau bieten."

Wenn das nicht einen Ansturm der Antragsteller auslöst... Erwin Lausch