Ende letzter Woche tagte der Deutsche Museumsbund in Frankfurt/Main. Man machte sich Gedanken über Themen wie Museum und Umwelt, Museum und Gesellschaft, Museum und Kunst. Ende letzter Woche wurde das Römisch-Germanische Museum in Köln (Gottfried Sello beschreibt es auf Seite 19) zwei Wochen alt: der 100 000. Besucher konnte endlich eingelassen werden, es hatte Tage in der kurzen Museumsgeschichte gegeben, an denen wegen Überfüllung geschlossen werden mußte.

Die Museumskrise ist also auch nicht mehr, was sie einmal war. Vorbei ist die Zeit der erfrischenden Selbstbezichtigungen der Museumsleute, die es sich angelegen sein ließen, dem Klagelied der Kritiker von draußen (Rezitativ: Schwellenangst) immer um ein paar Herztöne (arioses Solo: Etatnot) voraus zu sein. In Köln hat man bewiesen, daß es die Museumskrise alter Strickart nicht mehr gibt, daß es sie zumindest nicht zu geben braucht, wenn ein Gremium kompetenter Leute geistig willens und finanziell in der Lage ist, sachlich disziplinierte Phantasie walten zu lassen.

Von Köln, so mag man einwenden, ist gut reden, das ist ja ohnehin die aufgeschlossenste, fröhlichste Kunst- und Museumsstadt hierzulande. Nur: außer, daß Köln am Rhein liegt, ist dort nichts "ohnehin". Hier wurde, ermutigt und gedeckt durch Kurt Hackenberg, einen Kulturdezernenten ohnegleichen, über die Jahre hinweg ein Kunstklima geschaffen, in dem jeder und alles gedeihen kann und zu seinem Recht kommt und Gegenwart und Vergangenheit einander auf das spannungsreichste ergänzen.

Frankfurt nun liegt "ohnehin" am Main, und das ist auch ein netter Fluß. Aber die Museumsbündler, die ja Kunst und Kunstleben gelegentlich zu verquicken bemüht sind, tagten nicht ganz zufällig in Frankfurt, dieser Un-Stadt, in der sich das Goethe-Haus allmählich ausnimmt wie Disneyland, der jeder wohlverdienende Bürger am Abend in ein Taunusdorf entflieht, gegen die sich schlecht verdienende Bürger wohl wirklich nur noch mit Brandsätzen wehren können. In Frankfurt, wo Hysterie und Häßlichkeit einander in einer geradezu modellhaften Weise hochschaukeln, kann man die neue Museumskrise in zwei neuen Museen besichtigen, hier war der adäquate Ort, sie zu diskutieren.

Seit ihrer Eröffnung vor rund einem, beziehungsweise einem halben Jahr sind das "Historische Museum" und das "Völkerkundemuseum" in Frankfurt Steine des Anstoßes. Wobei weder die Gebäude als Anstoß gelten (die beide dazu reichlich Anlaß bieten) noch die Exponate, sondern die Texte, die das Publikum auf den rechten Weg bringen sollen. Daß dieser rechte Weg ein linker ist (in dessen Verlauf einem die Kunst der Inkas als ein "Bilderbuch der Bosheit" oder eine Madonna um 1400 als die plastisch sichtbar gewordene "Änderung der Machtverhältnisse" empfohlen wird), ist dabei fast nebensächlich. Schlimmer ist schon, daß hier Ideologie auf Kosten von Wissenschaft betrieben wird (im Historischen Museum wurden inzwischen auf Einwände von Fachleuten 29 Texterklärungen geändert), und daß man damit den Unterprivilegierten, um die es in Frankfurt dauernd geht, einen größeren Tort antut als den Überprivilegierten, die Mittel und Wege haben, sich mit eigenem Wissen zu wehren.

Am gefährlichsten aber ist dies an der Frankfurter Praxis: daß hier das Exponat, Mittelpunkt und Berechtigungsexistenz jedes Museums, entmündigt und zum Illustrationsobjekt für Texte wird. Das Museum ist ein Ort der Objekt-, nicht der Experimentalforschung, wenn schon Schule, dann eine des Sehens und nicht des Lesens. Wenn Hilmar Hoffmann, der emsige Frankfurter Kulturdezernent, davon redet, daß Museen nicht "im Sinne eines herkömmlichen Kulturbegriffs weiterhin als den Nichteingeweihten durch ihr Sosein abweisende Institutionen des Bewahrens von Bewährtem für eine exklusive Minderheit" sein dürfen, dann tritt er mit flachem Fuß offene Türen ein. Im imaginären Lärm, der da entsteht, bleibt festzuhalten, daß es nicht Aufgabe des Museums ist zu belehren, wie man zu sehen hat, sondern daß das Museum der Ort ist, wo man sieht, um, unterstützt durch Information, zu lernen. Wenn man will. Übrigens kann Museum auch Spaß machen. Wie in Köln. Oder auch im Senckenberg-Museum in Frankfurt, dem, übrigens, "nichtstädtischen" Tagungsort des Museumsbundes. Petra Kipphoff