Wollte man bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg „Durchs wilde Kurdistan“ aufführen – Mustafa Barsani könnte die Hauptrolle spielen, so unverfälscht gleicht er den orientalischen Helden des Jugendschriftstellers. Aber der Kurdengeneral Barsani führt sein eigenes Stück auf. Es heißt: Kampf um die wahre Autonomie. Nach vierjähriger Ruhe im Norden Iraks hat die nichtarabische Minderheit wieder zu den Waffen gegriffen. An der türkischen Grenze hört man Geschützdonner.

Die Kurden, deren unumstrittener Führer der 70jährige Barsani ist, lehnen die von der irakischen Regierung deklarierte Autonomie ab, weil sie ihnen ungenügend erscheint. Sie bemängeln, daß die lange versprochene Volksabstimmung nicht zustande gekommen ist. Nur dann ließen sich klare Grenzen für die autonome Region ziehen.

Bagdad verzögert die Grenzmarkierung wegen der ölreichen Gebiete um Kirkuk (Jahresförderung 50 Millionen Tonnen), die im kurdischen Norden liegen. Stattdessen arbeitet die irakische Regierung mit der Methode der vollendeten Tatsachen: Viele Kurden wurden aus den Städten ausgesiedelt, an ihre Stelle traten arabischen Iraker.

Mit dem Autonomie-Erlaß ist außerdem ein Ultimatum verbunden: Bis zum Monatsende soll die Kurdische Demokratische Partei (KDP) in die Nationale Progressive Front zusammen mit Baathisten und Kommunisten eintreten; andernfalls werde das Selbstverwaltungsstatut zurückgezogen. Die Kurden lehnen diese Zwangskoalition ab. Ihre patriachalischen Strukturen, die Stamnesgliederung mit Großfamilien, taugen nicht zu einer Einheitsfront mit den Parteien des arabischen Sozialismus.

Wollte man ganz Kurdistan auf die irakische Landfläche projizieren, so würde sie davon völlig zugedecket. Schicksal der Kurden aber ist, daß ihnen die eigene Staatsbildung versagt blieb. Sie sind über fünf Länder verstreut. Sichere Zahlen gibt es nicht. Von den mindestens sechs Millionen Kurden leben 1,5 Millionen im Irak.

Hier ist der Kampf um eine begrenzte Eigenstaatlichkeit am sichtbarsten geworden. Der zehnjährige Guerillakrieg gegen Bagdad 1961–1970 endete ohne Sieger und Besiegte. Für den neuen Waffengang haben sich beide Seiten gewappnet: die Kurden mit persischen Waffen, die Araber mit einem Heeresaufgebot von schätzungsweise 40 000 Mann, die mit sowjetischen Waffen ausgerüstet sind. Mustafa Barsani: „Ich unterschreibe auch auf meine alten Tage keine Kapitulation.“