Von Wolfram Siebeck

Wie man aus China, hört, bereiten Maos Anhänger eine neue Kulturrevolution vor oder haben sie bereits begonnen; von hier ist das nicht so leicht zu erkennen. Denn eine Kulturrevolution ist keine Veranstaltung, bei der Barrikaden errichtet und Fensterscheiben eingeworfen werden. Eine Kulturrevolution hat, wie der Name sagt, etwas mit Kultur zu tun, und kein so kultiviertes Volk wie die Chinesen wirft Fensterscheiben ein, wenn es um Kultur geht. Außerdem läßt sich von hier nicht erkennen, ob sie überhaupt Fensterscheiben haben.

Wenn es bei uns um Kultur geht, geht es um Beethoven. (Allen Anstrengungen von Bildungsminister Dohnanyi zum Trotz.) Das erstaunliche ist nur, daß es auch bei den Chinesen um Beethoven geht. Sie sind dagegen. Er ist ihnen zu westlich-bürgerlich, zu dekadent. Also weg damit.

Bei uns sind auch eine Menge Leute gegen Beethoven. Andere sind gegen Heino oder gegen den Mann, der die Capri-Fischer komponiert hat. Viele sind sogar gegen so westlich-bürgerliche und dekadente Dinge wie Chop-sue, Ping Pong und Do-hnan-yi. Weg damit, sagen sie. Man könnte meinen, daß auch wir mitten drin sind in einer Kulturrevolution.

Sind wir aber nicht.

Denn die Chinesen sind auch noch gegen Konfuzius. Der war ein Philosoph und ist seit zweieinhalbtausend Jahren tot. Seitdem hat alle Welt die Chinesen um diesen Philosophen beneidet, so berühmt war er. Sogar diejenigen von uns, die an Chop-sue nichts Besonderes finden, nehmen die Speisekarte im Chinarestaurant mit einer gewissen Ehrfurcht in die Hand, was nicht allein durch die vielen Bindestriche zu erklären ist.

Es ist Konfuzius.