Während der Bekenntniskrieg um die §-218-Reform durch Presse, Funk und Fernsehen neu angeheizt wird, ist es in Bonn ruhig geworden. Das Thema Abtreibung ist gründlich ausdiskutiert und die verbale Munition verbraucht. Laut Terminplan wird am 25. April in zweiter und dritter Lesung über je zwei Gesetzesvorlagen der Regierungsparteien und der Opposition abgestimmt. Letztlich geht es nur noch um die zwei Entwürfe:

  • Drei-Monate-Fristenmodell,
  • Vier-Indikationenmodell der SPD-Abgeordneten um Dr. Müller-Emmert.

Sollten die Bonner Auguren recht behalten, wird das Fristenmodell verabschiedet. Aber auch das Müller-Emmert-Modell wäre kein Unglück für die Frauen. Denn hilfsbereite Ärzte könnten das sogenannte Vier-Indikationenmodell leicht in ein Fristenmodell umfunktionieren.

Dazu muß man wissen, wie fadenscheinig das Vier-Indikationenmodell ist. Manche haben es unehrlich und heuchlerisch genannt. Praktisch ist es ebensowenig ein Indikationsmodell wie die Indikationsmodelle in Holland und England, wo jede deutsche Frau mühelos ihren Abbruch bekommt, am leichtesten, wenn sie die Indikation irgendeines deutschen Arztes mitbringt.

Die schwache Stelle beim Müller-Emmert-Indikationsmodell ist die vierte, die „schwerwiegende Notlage“-Indikation. Denn jeder approbierte Arzt, ob Kliniker, Orthopäde, Augen- oder Facharzt für Labormedizin, könnte nach diesem Gesetzentwurf bis zum Abschluß des dritten Schwangerschaftsmonats eine Notlage-Indikation stellen, und zwar ohne Einschaltung einer Gutachterstelle der Ärztekammer, allein aus eigener Verantwortung. Er braucht seine Entscheidung und eine schriftlich ausgeführte Begründung dann nur noch an jenen Arzt weiterzugeben, der den Abbruch vornimmt. Dabei könnte der eine Arzt in Berlin wohnen, der andere in München den Abbruch ausführen. Diese Praxis entspricht zwar nicht in allen Teilen dem Sinn des Müller-Emmert-Modells, aber sie wäre möglich. Demgegenüber hat das Fristenmodell den Vorteil, daß es einfacher und ehrlicher ist. Die Ärzte und Frauen könnten also mit dem Müller-Emmert-Indikationsmodell auch zurechtkommen, vorausgesetzt allerdings, daß eine genügende Anzahl Ärzte zu Abbrächen in den freien Praxen und Kliniken bereit ist.

Doch dieses Problem scheint jetzt schon gelöst zu sein. Zwar sah es noch vor kurzem so aus, als gäbe es eine fast geschlossene Abwehrfront der Ärzteverbände, insbesondere der Chefärzte und der niedergelassenen Ärzte. Doch die Gefahr, daß die §-218-Reform in der Praxis boykottiert werden konnte, besteht nicht mehr, weil der Wettlauf um die Krankenscheine abtreibungswilliger Frauen längst begonnen hat und schon entschieden ist. Das Strafrechtsreform-Ergänzungsgesetz sieht vor, daß jeder Arzt Abbrüche auf Krankenschein verrechnen darf, zumal die moderne Absaugtechnik innerhalb von 14 Tagen erlernbar ist. Allerdings ist das gesundheitliche Risiko des Abbruchs in einer Klinik geringer. Deshalb würden es die Bonner Reformer begrüßen, wenn möglichst viele Kliniken entsprechende Spezialabteilungen einrichten könnten.

Nun ist aber auch dies eine Frage des Gewissens. Bisher gab es nur das Abtreibungsgewissen des Arztes und das der schwangeren Frau. Neuerdings entwickeln die wirtschaftlichen Träger von Krankenhäusern – zum Beispiel karitative Verbände, Gemeinden und Bundesländer – ein spezielles „Träger-Gewissen“. Das Träger-Gewissen ist in einschlägigen Kreisen ein fest umrissener Begriff. Wolfgang von Wolmar, Sprecher der Krankenhausgesellschaft: „Es ist zu erwarten, daß einige kommunale Krankenhausträger und andere – vielleicht sogar die Mehrzahl – den Schwangerschaftsabbruch nach dem novellierten Paragraphen 218 zulassen werden. Hierbei muß die Gewissensentscheidung des Krankenhausträgers genauso respektiert werden wie die des Arztes.“