Man fühlt sich immer etwas betroffen, wenn man einen Namen erst dann zur Kenntnis nimmt, wenn sein Träger als gestorben gemeldet wird. Sigmund Kripp ist noch am Leben, aber sein Name machte erst im größeren Umkreis Schlagzeilen, als seinem vierzehnjährigen Wirken im vergangenen Dezember ein abruptes Ende bereitet wurde.

Der Bischof von Innsbruck, Dr. Paul Rusch, der kurz vor dem Höhepunkt des Konflikts als Siebzigjähriger zum Ehrenbürger von Innsbruck ernannt wurde, scheint als alter Mann der Jugendarbeit gegenüber argwöhnisch geworden zu sein. Er kann nicht begreifen, daß man heute nicht mehr katholische „Kerngruppen“ einer kirchlichen Jugendelke (Gottesdienstbesuch, Sakramentenempfang, Trennung der Geschlechter) heranzieht, sowenig er und die Kreise um ihn (samt dem städtischen Establishment) die aufmüpfigen Artikel der Hauszeitung des Jugendzentrums zu kommunalen und kirchlichen Phänomenen zu goutieren oder auch nur gelassen hinzunehmen vermag.

Ein besonderer Stein des Anstoßes war schon früh die von Kripp praktizierte Koedukation, und die Legende erzählt, die allererste Klage dagegen habe sich an einem Sportflug von ein paar Burschen entzündet, die auf diese Weise ein Mädchenlager in der Berghütte „inspizierten“. Kein Wunder also, daß es schließlich die Beschwerde über ein koedukatives Lager in einem Bungalowdorf war, das dem Kennedy-Haus gehört, die Bischof Rusch den einen von zwei Gründen lieferte, um Kripp kurzerhand die priesterlichen Vollmachten abzuerkennen und ihn seines Bistums zu verweisen. Die zweite Beanstandung betraf eine Messe im Jugendzentrum, bei der der zelebrierende Priester, ein Franziskaner, sich nicht nach den liturgischen Regeln benommen, sondern „die Arme verschränkt“, „kein Meßgewand“ umgehängt, dafür aber „einen Siegelring am Finger“ getragen habe ...

Hinter solchen Klagen zur „Oberfläche“ steht der Vorwurf, daß in diesem Jugendzentrum nicht „die Autorität“ regiere und für „Ordnung“ sorge, wie man sie früher in solchen Gruppen und Lagern verstand. Weil es nicht mehr so zugeht wie früher, schließt man, es sei überhaupt nur ein „Lari-fari-Betrieb“, wo jeder das tue, was ihm nach Lust und Laune einfalle. Abgesehen davon, daß ein Freiheitsraum für solche „Einfälle“ gerade das war, was in anderen Systemen fehlte und dort so manche Kreativität verkümmern ließ, läßt sich leicht einsehen, daß ein „willenloser“ Betrieb niemals vierzehn Jahre lang Bestand gehabt hätte.

Vielmehr gilt es zu beachten, welch freiwilliges Engagement die jungen Leute auf sich nehmen, wenn sie sich in der Vielfalt des Angebotes zum Beispiel für eine bestimmte Werkgruppe verpflichten und dabei bleiben. Und auch die Tatsache, daß sich die Jugendlichen im Kennedy-Haus wie zu Hause fühlen und dort lernen, Kontakte herzustellen, ist hoch in Rechnung zu stellen. Daß dabei ein Klima herrscht, in dem bei vielen aus „Kontakt“ Verantwortungsgefühl füreinander erwächst, ist ein Wert, der dann auch nicht zuletzt für die sexuelle Erziehung der jungen Menschen fruchtbar wird.

Dieses Verantwortungsgefühl soll nach Kripps Konzept gerade dadurch entstehen, daß die Erzieher den Jugendlichen nicht fertige Antworten und Rezepte als „Lösung“ ihrer Probleme anbieten, sondern daß sie die Jungen und Mädel immer wieder vor eine Entscheidung stellen, indem sie ihnen die Folgen des einen und des anderen Verhaltens aufzeigen. Indem sie so ihren Erfahrungsvorsprung vermitteln (damit die jungen Leute hinterher nicht sagen: „Hätte ich das gewußt...“), verstehen sich die Erzieher als Gesprächspartner und „Reflexionshilfen“, die den Jugendlichen helfen, ihren persönlichen Weg zu gehen.

Das Jugendzentrum ist der Organisation nach ein „geschlossenes Haus“, das, abgesehen von der Herberge für durchziehende junge Gäste, nur eingeschriebene Mitglieder kennt, die sich in irgendeinem Punkt für die Sache engagieren. Es ist aber dem Geist nach ein. „offenes Haus“ für alle, die die Innsbrucker Gymnasien besuchen, ohne Verpflichtung auf eine Ideologie oder auf ein religiöses Bekenntnis.