Trotz aller Proteste scheint das neue Abtreibungsgesetz der Bundesrepublik das beste der Welt zu werden. Zu dieser Meinung berechtigt das Ergänzungsgesetz zur Paragraph-218-Reform, das am 21. März vom Bundestag verabschiedet wurde. In der Öffentlichkeit hat es kein großes Aufsehen erregt, weil kaum bemerkt wurde, wieviel sozialpolitischer Sprengstoff darin steckt. Wenn sich das Ergänzungsgesetz in der Praxis so auswirkt, wie es konzipiert ist, wird der neue Paragraph 218 sozial abgesichert und wirklich praktikabel sein. Die Vorarbeiten zum Ergänzungsgesetz begannen bereits im Oktober 1971. Das war zu einem Zeitpunkt, als noch kein Gesetzentwurf zur Reform des Paragraphen 218 in Arbeit war. Mit anderen Worten: Die sozialen Aspekte hatten bei der Reform von Anfang an den Vorrang.

Verantwortlich für das Ergänzungsgesetz zeichnet die Ad-hoc-Arbeitsgruppe Paragraph 218 im SPD-Arbeitskreis Sozialpolitik. Die Vorsitzende Marie Schlei: „Ich habe bei der Arbeit immer nur an die Arbeiterfrauen gedacht, die für einen Schwangerschaftsabbruch beim Arzt keine 1500 Mark aufbringen können, ohne ihrer Familie wirtschaftlich zu schaden, und vor allem deshalb zu Kurpfuschern gehen. Wenn diese Frauen künftig einen Schwangerschaftsabbruch ohne Schwierigkeiten in der Klinik bekommen, werden sie wahrscheinlich auch für bessere Verhütungsmethoden oder für die freiwillige Sterilisation zu gewinnen sein.“ Denn der verhandlungszähen Berliner SPD-Abgeordneten und ihren Mitstreitern in der Arbeitsgruppe geht es hauptsächlich darum, die Abtreibungsziffern zu senken und die Welt ein wenig kinderfreundlicher zu machen.

Welcher Gesetzentwurf zur Reform des Paragraphen 218 am 25. April 1974 die Stimmenmehrheit im Bundestag erhält – das Fristenmodell oder das Müller-Emmert-Modell –, spielt für das Ergänzungsgesetz keine Rolle. Es paßt zu beiden Modellen. Allerdings wäre es eine Illusion zu glauben, das Ergänzungsgesetz könnte schlagartig die Abtreibungsprobleme losen. Die gesamte Reform ist auf eine neue Gesellschaft und Ärzteschaft zugeschnitten, die es erst in Ansätzen gibt. Vor allem die Ärztekammern, Ärzteverbände und Chefärzte der meisten Frauenkliniken werden sich in der Praxis der Reform widersetzen, was indessen ihr gutes Recht ist. Aber es gab für die Bonner Reformer keine Alternative. Sie haben aus Fehlern anderer Länder gelernt, in denen die Abtreibungsreform ohne sozial ergänzende Maßnahmen Gesetz wurde.

Holland praktiziert ein verwaschenes Indikationsmodell, ähnlich dem Entwurf der SPD-Müller-Emmert-Gruppe. Abtreibungsfreundliche Ärzte haben das Indikationsmodell zum Fristenmodell umfunktioniert (was auch mit dem Müller-Emmert-Modell in der Bundesrepublik geschehen würde). Minderbemittelte Holländerinnen haben ohne strenge medizinische Indikation keine Chance, einen Schwangerschaftsabbruch auf Krankenschein in einer öffentlichen Klinik zu bekommen. Sie müssen eine der vielen gemeinnützigen Spezialkliniken aufsuchen, wo ihnen für rund 400 Mark geholfen wird.

England praktiziert ein ähnliches Indikationsmodell wie Holland. Fast alle öffentlichen Kliniken lehnen den Schwangerschaftsabbruch ohne strenge medizinische Indikation ab. Dagegen kann jede Engländerin für etwa 600 Mark einen Abbruch in einer Londoner Privatklinik durchführen lassen.

Die DDR hat gegenwärtig das beste Abtreibungsgesetz. Es ist ein sozial und medizinisch voll abgesichertes Fristenmodell. Aber in der DDR bekommen die Frauen ihren Abbruch nur in dem für sie zuständigen Kreiskrankenhaus. Eine freie Arztwahl gibt es nicht. Außerdem werden die Frauenärzte gezwungen, Abtreibungen durchzuführen. Ärztliche Gewissensentscheidungen sind in der DDR nicht erlaubt.

Österreich ist der Bundesrepublik insoweit voraus, als dort die Fristenregelung Gesetz geworden ist. Aber sie gilt erst ab 1975. Die Frage, wie und ob die Reform gegen die Widerstände der Chefärzte und des Ärzteverbandes durchgeführt werden kann, weiß niemand zu beantworten. Ein Ergänzungsgesetz zur Reform des Abtreibungsgesetzes ist in Vorbereitung.