Mit dem „Archipel GULAG“ bricht der Scherz Verlag alle bisherigen Buchrekorde

Verleger träumen von Büchern, die es nur ein paarmal in einem Jahrhundert gibt: Bücher, die sich von selbst verkaufen. Als ein solches Jahrhundert-Buch hat sich Alexander Solschenizyns „Der Archipel GULAG“ erwiesen. Der welterregende Bericht über das System der sowjetischen Straflager wurde innerhalb weniger Wochen zum besten aller Bestseller.

Der Erfolg freilich wurde für den Berner Scherz Verlag zum Alptraum wegen der damit verbundenen organisatorischen Probleme. Seit Ende vergangenen Jahres, als alle Zeitungen das Erscheinen der deutschen Ausgabe des „Archipel GULAG“ bei Scherz meldeten, liefen in der Schweizer Hauptstadt und in der Münchner Verlagsniederlassung täglich Tausende von Bestellungen ein. Bereits am 5. Januar war die auf 50 000 Exemplare festgesetzte Erstausgabe ausverkauft.

Seither wird in Bern Generalstabsarbeit geleistet. Papiervorräte mußten, zum Teil bei anderen Buchverlagen, aufgekauft, Druckkapazitäten gebucht werden. Wochenlang liefen in acht Druckereien Tag und Nacht die Maschinen für Alexander Solschenizyn. Anfang April, nur gut zwei Monate, nach der Auslieferung der ersten Bände, sollen 820 000 Exemplare gedruckt sein. Noch für dieses Frühjahr rechnet Verleger Rudolf Streit-Scherz mit einer Million.

In den ersten Wochen nach der Auslieferung wurde nicht verkauft, sondern nur verteilt. Um eine möglichst gerechte Belieferung der Kunden zu sichern, wurden Großaufträge nur teilweise erfüllt. Dennoch häuften sich beim Verlag die Klagen vor allem der kleineren Buchhändler. Sogar im Börsenblatt, dem Verbandsorgan des deutschen Buchhandels, machten Sortimenter ihrem Unmut Luft. Während im benachbarten Kaufhaus „Der Archipel GULAG“ gleich stapelweise zu haben sei, klagte eine Buchhändlerin, müsse sie ihre Kunden wieder wegschicken, weil sie nicht ausreichend beliefert werde.

Angesichts solcher Engpässe ist der Verlag, der selber keinen Rappen in die Solschenizyn-Werbung investiert hat, auch nicht an einer besonderen Werbung der Buchhändler interessiert. „Manche Sortimenter“, heißt es in München, „haben gesagt, sie machen Sonderfenster. Wir hoffen nur, daß sie das nicht tun, denn wir können ja gar nicht genug liefern.“

Der Erfolg des „Archipel GULAG“ hat keine Parallele in der Buchhandelsgeschichte der Bundesrepublik. Er ist ebenso einzigartig wie der Autor und sein Werk, dessen Veröffentlichung die Sowjetunion nur die Ausweisung Solschenizyns entgegenzusetzen hatte.