Der russische Schriftsteller Wladimir Maximow im Westen

Von Horst Bienek

Der französische PEN-Club hat Wladimir Maximow zum Mitglied gewählt, spontan und absichtsvoll und „etwas außerhalb der Satzung“, und er hat den sowjetischen Schriftsteller nach Paris eingeladen, mit einem Arbeitsstipendium für ein Jahr. Nicht nur die Franzosen waren überrascht, auch Maximow selbst und seine Moskauer Freunde, als ihm tatsächlich nach längerem Warten die Ausreise genehmigt wurde. Zum erstenmal im Westen, sieht er sich nun um, herumgereicht von seinen Verlagen, gestern in Paris und Bern, heute in München, morgen in Rom oder London. Solschenizyn verweigerte sich der Presse, er gab so gut wie keine Interviews – aber er freute sich dankbar, wenn ihm einfache Menschen, vor dem Landhaus von Böll oder auf dem Bahnsteig in Zürich, applaudierten. Maximow stellt sich gern den Journalisten, er antwortet bereitwillig auf jede Frage, ruhig, sachlich, überzeugend. „Auch das ist für mich Literatur“, sagt er. „Im Augenblick ist es wichtiger, daß ich ganz konkret über Menschen spreche, die ich kenne und von denen ich weiß, daß sie – unschuldig – verfolgt werden, auch das gehört zur Geschichte der Literatur. Später werde ich mich zurückziehen und an meinem neuen Buch arbeiten.“ Auffallend, daß sie alle, Maximow wie zur gleichen Zeit Litwinow in Rom, viel lieber als über sich selbst über die andern sprechen, die noch gefährdet sind.

Dissident will er nicht sein

Wir freuen uns, Herrn Maximow unter uns zu wissen, sagt sein Verleger, schwyzerisch-bedächtig, während die andern, die hergekommen sind, ihn zu sehen, sich über die Blinys, den Borschtsch und den eisgekühlten Wodka hermachen. Maximow ist umringt von Leuten, die eigentlich gar nicht wissen, wer er ist. Solschenizyn, ja, den kennt jeder, und Sacharow, natürlich. Aber was wissen sie von Maximow außer dem Titel seines Romans, „Die sieben Tage der Schöpfung“, der gerade in zweiter Auflage herausgekommen ist? Ist das nicht der, der was gegen Brandt gesagt hat? Maximow schreibt Widmungen in seine Bücher, die man ihm von allen Seiten herüberreicht, die Leute nehmen sie einfach aus den Regalen, und der Verleger sieht es nicht ungern, scheint’s. (Gibt’s da nicht immer irgendwelche PR-Leute, die in blöder Wiederholung melden, bei der Buchmesse wurden von dem und dem Verlag die meisten Bücher geklaut?) Das ist eine falsche Information gewesen, sagt Maximow, ich bewundere Böll und natürlich auch Willy Brandt, aber nicht ich allein, wir alle (damit meint er die Dissidenten) glauben freilich, daß Verständigung nicht allein zustande kommen kann, indem sich die Mächtigen arrangieren. Die Menschen müssen einander näherkommen. „In der Moral darf es keine Kompromisse geben. Und was wir brauchen, vor allem der Westen, ist ein moralischer Maximalismus. Dazu bekennen wir uns, wir Demokraten (denn das Wort Dissident liebt er nicht, das ist nur im Westen gebräuchlich), auch wenn wir oft aus verschiedenen Richtungen kommen. Die Angst“, sagt er, „die wirkliche Angst, hat uns die Moral zurückgebracht. Vielleicht fehlt sie bei euch.“

Maximow weicht keiner Frage aus. Aber über Begriffe wie Moral und Glaube, die ihm heilig sind, spricht er nicht gern öffentlich, nur „mit zwei, drei Leuten, am liebsten mit Schriftstellern, mit Kollegen, sie werden mich begreifen, auch wenn sie anderer Meinung sein mögen“.

Später sitzen wir in seinem Hotel, in ganz kleinem Kreis. Er spricht ganz sachlich, auch über die privatesten Dinge, nichts ist eifernd an ihm. Sein nächstes Buch „Quarantäne“ (eine Abrechnung mit den Mitläufern, mit den Bequemen) wird im Herbst erscheinen. Jetzt arbeitet er an einem neuen Roman, „Exodus“, der das russische Exil nach der Revolution behandeln soll. „Wir sind ein Rußland, und die große geistige Kraft der Emigration, von Berdjajew bis Bunin und Nabokov bis schließlich zu uns – sie gehört dazu.“