Die Wirtschaftstheorie hat in den vergangen nen Jahrzehnten eine ganze Palette von Inflationstheorien hervorgebracht; bis zu den eigentlichen Ursachen unserer modernen Inflation ist sie nicht vorgestoßen. Sie liegen im Institutionellen: Ursache der Inflation ist das Zusammentreffen von staatlich nicht kontrollierten Arbeitsmarktmonopolen (Tarifautonomie) auf der einen und einem fast vollständig elastischen Geldangebot (definitives Papiergeld bei flexiblen Wechselkursen) auf der anderen Seite.

Schuld an der Inflation ist weder die Tarifautonomie allein noch die Geldverfassung allein. Ihr Zusammentreffen ist die strukturelle Ursache der Weltinflation.

Die deutsche Situation ist vergleichsweise günstig. Unsere Einheitsgewerkschaften können es sich eher erlauben, die gesamtwirtschaftlichen Wirkungen ihres Tuns in ihre Überlegungen einzubeziehen. Bei weltanschaulich konkurrierenden Gewerkschaften wie in Italien oder Frankreich zwingt die Konkurrenz der Gewerkschaften jeden einzelnen Gewerkschaftsführer dazu, möglichst hohe Löhne zu fordern. Bei berufsständisch organisierten Gewerkschaften – wie in England – hat jede kleine Spezialistengruppe eine so starke Drohposition, daß sie auch exzessive Lohnforderungen durchsetzen kann.

Die Tatsache, daß die Bundesrepublik den vergangenen Jahrzehnten meist niedrigere Inflationsraten als andere westliche Länder hatte, liegt weniger an der besonders ausgeprägten Inflationsfurcht der Deutschen, als in Unterschied den in der Gewerkschaftsorganisation und der Geldverfassung (Unabhängigkeit der Bundesbank).

Flexible Wechselkurse wurden in den sechziger Jahren damit begründet, daß sich die Bundesrepublik vom internationalen Inflationszug abhängen müsse. Wir haben uns abgehängt; wir können heute über Stabilität (im Rahmen des Währungsblocks) selbst bestimmen – aber die Inflationsrate hat sich verdreifacht. Mit der Freigabe der Wechselkurse ist die letzte institutionelle Inflationsbarriere beseitigt worden. Mangelnde internationale Konkurrenzfähigkeit der heimischen Wirtschaft kann ja durch die Wechselkurspolitik ausgeglichen werden. So werden auch exzessive Lohnforderungen nicht mehr durch die Gefahr der Arbeitslosigkeit im Zaum gehalten. Ein solches System neigt rein institutionell, also jenseits des guten oder bösen Willens aller Beteiligten, zur Inflation.

Der Post-Keynesianismus hat die Inflation in den vergangenen Jahrzehnten in den Rang einer Heilslehre erhoben. Man glaubte, Inflation sei ein Mittel gegen Arbeitslosigkeit, man glaubte, Wirtschaftswachstum sei nur erreichbar, wenn man dafür eine bestimmte Inflationsrate in Kauf nimmt. Beides ist sowohl empirisch als auch theoretisch widerlegt. Das überzeugendste Gegenbeispiel liefert Brasilien: In derselben Zeit, in der die Wachstumsraten japanische Ausmaße erreichten, in der die versteckte Arbeitslosigkeit immer weiter aufgesogen wurde, konnte die Inflationsrate von 80 Prozent auf 12 Prozent verringert werden. Theoretisch hat zuerst Wolfgang Stütze! und später haben auch amerikanische Autoren gezeigt, daß Inflation keineswegs wirtschaftsanregend zu wirken braucht. Das gilt nur solange, als die Inflationserwartungen hinter den tatsächlichen Inflationsraten zurückbleiben, also dann, wenn sich irgendwelche Leute täuschen oder wenn sie bewußt getäuscht werden.

Sind die Inflationserwartungen größer als die tatsächlich eintretende Inflation, dann wirkt sie rezessiv. So läßt sich das früher unbekannte Phänomen der Stagflation, also der realen Stagnation bei gleichzeitig steigenden Preisen, mühelos erklären. Das ist die Antwort auf die Frage, ob Inflation die Marktwirtschaft gefährdet: Im Modell einer perfekt antizipierten Inflation, wenn also jedermann die Inflation bereits einkalkuliert, funktioniert die Marktwirtschaft genauso schlecht und genauso gut wie ohne Inflation. Nur das Rechnen wird schwerer.