Es gibt viele Bangkoks: Die Hauptstadt Thailands hat fast vier Millionen Einwohner auf einer Fläche von rund 150 Quadratkilometer. Das ist mehr als die Bevölkerung der Londoner City auf halbem Raum. Bangkok, touristische Drehscheibe zu Reisezielen zwischen Pazifik und Indischem Ozean, wird jährlich von annähernd einer Million Ausländern besucht. Die Fremden lernen bei einer durchschnittlichen Aufenthaltsdauer von drei bis vier Tagen kaum mehr als das Bangkok der Touristen kennen, sechs oder sieben von 280 Tempelbezirken, die schwimmenden Märkte, auf denen in den Morgenstunden der Andrang so groß ist, daß die Verkehrsregler von Boot zu Boot springen, das obligate Thai-Essen mit den obligaten Thai-Tänzen und möglicherweise einen Massagesalon mit seinen Enttäuschungen.

Bangkok aber ist eine bis zum Bersten mit Leben gefüllte Stadt. Sie schmückt sich mit dem Glanz einer alten Königskultur und verbirgt nicht die Abgründe der Armut. Es gibt ein Bangkok des Tages und ein Bangkok der Nacht. Es gibt Paläste und Elendsquartiere, ein Chinesenviertel mit quirligen Märkten und, unmittelbar daneben, die New Road mit eleganten Geschäften, den Büros der Fluggesellschaften und Banken. Es gibt die Quartiere der Tuchhändler, Silberschmiede, Antiquare und natürlich auch Massagesalons. Es gibt ein schmutziges und ein leuchtendes Bangkok. Es gibt Vergnügungszentren wie die Place Pigalle, Geschäfte wie auf der Fifth Avenue in New York, Kanäle wie in Venedig, Restaurants wie in San Francisco. Man kann chinesisch essen. Es gibt schätzungsweise 200 chinesische Spezialitätenrestaurants. Natürlich kann man thailändisch essen, japanisch, indonesisch, koreanisch, burmesisch, vietnamesisch und philippinisch, aber auch ungarisch, französisch und mexikanisch: Die Touristen lernen zumeist nur die internationalen Küchen der großen Ausländerhotels kennen. Das Abenteuer einer exotischen Reistafel ist oft nur wenige Schritte entfernt. In Steinwurfweite vom Hotel President gibt es beispielsweise ein chinesisches, ein japanisches und ein koreanisches Restaurant.

Bangkok heißt Olivendorf. Die Thais nennen es Stadt der Engel. Man sagt auch Stadt der 100 000 Engel und meint damit die 100 000 Freudenmädchen. Aber das ist auch nur eine Seite dieser Stadt, eine von vielen.

Ich habe einmal im Hotel Narai in der Silom Road gewohnt. Die große, luxuriöse Touristenherberge ist um ihren guten Ruf besorgt, wahrscheinlich zu Recht. In Bangkok ist das ohne ein Heer von Aufpassern nicht zu bewerkstelligen. Eine Garde von 70 Angestellten verhindert, daß junge hübsche, vielleicht ein bißchen zu auffällig geschminkte Mädchen in die Zimmer alleinreisenden Herren vordringen – ob mit oder ohne deren Begleitung und Einverständnis. Zur abendlichen Unterhaltung spielt statt dessen im Bayerischen Bierkeller eine importierte bayerische Blaskapelle. Mandeläugige Serviererinnen im Originaldirndl tragen Bier und Korn herbei. Die Gäste knobeln und singen Stimmungslieder vom schönen Rhein. Wer den Schritt vom arrangierten und dosierten Reiseerlebnis zwischen Hotelzimmer, Dachrestaurant und Omnibus scheut, könnte, so meine ich, ebensogut zu Hause bleiben. Er wird die Stadt der Engel niemals entdecken und von den vielen Bangkoks nur eins.

Der Schritt vom Weg ist einfach. Man kann in jeder Hotelhalle an der Rezeption eine Taxe bestellen. Dies ist die sicherste, freilich dank eines Aufschlags von 30 bis 40 Prozent auch teuerste Methode. Sie bringt den Vorteil einer Fahrt im klimatisierten Wagen mit englisch sprechendem Fahrer. Mißverständnisse kommen nicht auf. Wer mehr wagt, engagiert sich eine Taxe von der Straße oder vor dem Hoteleingang. Sobald ein Gast, Unternehmungslust in Blick und Haltung, vor das Portal tritt, wird er von Chauffeuren umringt, die ihm in drolligem Englisch sündige Zerstreuung verheißen – vom Vergnügen eines Massagesalons bis zur Privatvorstellung für Voyeure. Bangkoks Taxifahrer sind, soweit sie englisch sprechen, wohl ausnahmslos Schlepper. In den Pauschalpreisen, die man bei einigem Feilschen um ein Drittel herunterhandeln kann, sind saftige Provisionen enthalten. Sie werden von den Herren der Etablissements vielfach auf den üblichen Preis draufgeschlagen. Merke: Taxen vor Hotels (schwarze Nummernschilder) sind grundsätzlich teurer, weil die Fahrer für dan Standplatz zahlen müssen. Sparsame Bangkok-Entdecker wählen Taxen mit grünen Nummernschildern.

In Bangkok bieten sich außerdem noch zwei andere Verkehrsmittel an, Omnibusse und Dreiradrikschas. In beiden kostet die Stadtfahrt nur Pfennige oder Groschen. Keins von beiden ist empfehlenswert. Busse sind fast immer bis zur Grenze das Faßbaren überfüllt. Die Dreiradfahrer sprechen nur Thai.

Grundkenntnisse der englischen Sprache sind für den Bangkok-Entdecker unerläßlich. Mehr als Rudimente sind von Gesprächspartnern außerhalb der Touristenhotels und internationalen Gaststätten nicht zu erwarten. Stadtpläne, Speisekarten und Visitenkarten als Wegweiser zu den Freuden der Nacht sind in der Regel zweisprachig und trotzdem oder gerade darum nicht zuverlässig. Auskunftheischende sollten langsam sprechen und aufmerksam zuhören. Thais können das „r“ nicht artikulieren. Sie ersetzen es durch ein „I“. Beispiel: „Right or wrong – my country“ lautet in Thai-Englisch: „Light ol long – my countly.“