Wer heute im Pariser Flughafen Orly nach glücklicher Landung seine „Deutschmarks“ in Francs umtauschen will, muß mit einigen Überraschungen rechnen. In Orly-West, wo die Lufthansa-Flüge enden, wird der Reisende vor geschlossenen Wechselschaltern nach Orly-Süd. verwiesen. Doch hier sind die Banken meist ebenfalls geschlossen. Und in Paris selbst lehnen viele Zweigstellen, sofern sie überhaupt geöffnet sind, jeglichen Devisenumtausch ab. Die Begründung: „Wir streiken.“

Seit Wochen wird im Kreditgewerbe gestreikt. Bankzentralen wurden von den Angestellten besetzt, in der Bank von Frankreich blockierte das Personal alle Geldtransporte. Überweisungen aus dem Ausland werden seit Mitte Februar nicht mehr abgewickelt.

In einigen Großbanken haben streikende Angestellte die Computer stillgelegt. Zur Zeit ist es deshalb einfacher denn je, sein Konto ohne Sanktionen zu überziehen. Zum Monatsende wird die Lage vermutlich kritischer. Dann wollen nämlich Millionen von Franzosen ihr März-Gehalt abheben. Die Banken haben schon eine „Pannenhilfe“ zugesagt, und niemand befürchtet, daß das Kredit- und Zahlungssystem zusammenbrechen könnte.

Die Streikbereitschaft wächst indes auch in anderen Bereichen der Wirtschaft. Die schnell steigenden Verbraucherpreise sind kaum mehr durch Lohnverbesserungen auszugleichen. Premierminister Pierre Messmer erklärte offiziell, in diesem Jahr dürfe man nicht mit einer Verbesserung der Kaufkraft rechnen.

Angesichts der wachsenden Unruhe ist wieder von einem „heißen. Frühling“ die Rede. Doch die Streikgefahr ist gering, Denn die beiden großen Gewerkschaften, die kommunistische CGT und die linksradikale CFDT, sind seit einigen Wochen spinnefeind. Die CGT möchte Unruhe in der Bevölkerung vermeiden. Die Kommunisten rechnen nämlich mit baldigen Präsidentschaftswahlen. Ein linker Kandidat hätte nur Chancen, wenn Ruhe im Lande herrscht. Die CFDT dagegen will sich nicht durch Parteipolitik bremsen lassen. Da sie jedoch weit weniger Anhänger als die CGT hat, spricht alles dafür, daß der soziale. Frühling eher wohltemperiert als heiß wird. smi