Von Horst Bieber

Regensburg

Nach zwanzig Jahren Aufbau regen sich in der Bundesrepublik leise Zweifel, ob die Gleichung "Neu = Gut" wirklich immer ohne Rest aufgeht. Hinter dem vielzitierten Begriff Nostalgie verbirgt sich – neben handfesten kommerziellen Zielen – auch die Einsicht, das Altes und Überkommenes nicht von vornherein schlecht, reif für den Müll ist oder einzig im Museum den ihm heute angemessenen Platz findet.

Solange es sich um Großmutters Spitzendeckchen oder Opas Schaukelstuhl handelt, läßt sich Alt und Neu problemlos miteinander vereinen. Doch was macht man mit einer sanierungsreifen Altstadt, zudem der einzigen frühmittelalterlichen städtischen Großsiedlung nördlich der Alpen, die (fast) alle Kriege unbeschadet überstanden hat?

Nicht nur Denkmalschützer und Kunsthistoriker werden prompt urteilen: "Unbedingt erhalten." Auch der Rat der Stadt Regensburg tritt grundsätzlich dafür ein, das einmalige Baudenkmal zu erhalten. Dennoch sind die Regensburger Kommunalpolitiker auf dem besten Wege, ihre Altstadt zu zerstören – nicht vorsätzlich, nicht einmal fahrlässig, sondern – so hat es zumindest den Anschein – einfach, weil sie die Tragweite anstehender Entscheidungen nicht übersehen.

Immerhin ist die Debatte in Gang gekommen, dank zweier Bürgerinitiativen, die sich "Freunde der Altstadt" und "Forum Regensburg" nennen. Beliebt sind sie nicht. "Städtische Apo" oder auch "Radikale" sind noch milde Bezeichnungen. Für Zweifel an der Kompetenz der Verwaltung hat man in dieser bayerischen Stadt nämlich nicht viel übrig. "Das sind doch Kommunisten", entrüsten sich brave Bürger. Die Forumsmitglieder ducken sich klagend: "Wenn bei einer Versammlung nur einer ‚Radikale‘ ruft, sind unsere Argumente gestorben." "Inkompetent" lautet eine der noch schmeichelhaften Beurteilungen aus dem Rathaus. Und die Autoritätsgläubigkeit steckt selbst diesen bürgerlich-biederen Opponenten mit ihren sanft-sachlichen, höflichen Argumenten noch so tief in den Knochen, daß sie eher an Mißverständnisse – oder die ganz große Schiebung einzelner Politiker – glauben wollen als an die schlichte Wahrheit: Die Gleichgültigkeit ihrer kommunalen Oberen.

Vordergründig geht es um den Bau einer neuen Straßenbrücke über die Donau. Die alten Brücken sind dem Durchgangs- und Stadtteilverkehr nicht mehr gewachsen – das ist unbestritten –, die Frage heißt nur: Wo soll gebaut werden? Alle Vernunftgründe und ein teures Verkehrsgutachten – mit dessen Lektüre viele Ratsmitglieder offenbar aber überfordert sind – sprechen für einen Bau im Osten der Stadt, weit entfernt von der Altstadt. Doch die Verwaltung versteift sich darauf, genau in Höhe der Altstadt über die Donau zu gehen, so daß die Zufahrtstraße zur Brücke auf dem südlichen Ufer den historischen Stadtkern in zwei Teile zerschneiden würde.