Leben ist Kunst, hatte Piero Manzoni verkündet und auch konsequent danach gehandelt – nichts Menschliches war ihm kunstfremd, allzu Menschliches mit eingeschlossen. Doch mit einer Kunst zu leben, die genau genommen gar keine ist, hat gelegentlich seine Risiken. Vor wenigen Tagen ist eines von Manzonis Nicht-Kunstwerken, zum Wurfgeschoß umfunktioniert, Bayerns Kultusminister Hans Maier vor die Füße geflogen und unter Entwicklung schlimmer Düfte explodiert, was eine Erschütterung des Kabinitts zur Folge hatte.

Dieser merkwürdige Vorfall, der mit Manzoni wenig, mit Kunst gar nichts, dafür aber mit bayerischer Politik sehr viel zu tun hat, war Anlaß zu ausschweifenden Spekulationen über die Motive des treffsicheren Werfers mit Namen Franz-Josef Strauß, der es natürlich überhaupt nicht gewesen war, sondern, wie auch zu beweisen ist, sein Generalsekretär.

Dieser nämlich hatte das fragliche Objekt, eine Konservendose gefüllt mit Körperkunst, die der Kunstkörper Manzoni abgeschieden hatte (in Klartext laut Etikett: „Künstlerscheiße, Inhalt netto 30 g, natürlich erhalten, Dosenprodukt, Mai 1961“), der Öffentlichkeit zur Entrüstung präsentiert. Die Absicht dabei war, den vom Kultusminister vorgeschlagenen und vom Kabinett bereits akzeptierten neuen Generalkonservator des Landesamts für Denkmalpflege zu desavouieren: Michael Petzet, den noch amtierenden Direktor der Münchener Städtischen Galerie.

Die Art, wie hierbei argumentiert wurde, verdient festgehalten zu werden: Die Städtische Galerie hat Ende vergangenen Jahres eine Manzoni-Retrospektive gezeigt, die anschließend von der Tübinger Kunsthalle übernommen wurde und momentan in der Londoner Tate Gallery zu sehen ist, in der die ominöse Dose jedoch nicht ausgestellt war. Sie war lediglich im Dokumentationsteil des Katalogs abgebildet. Da sie aber immerhin im Bilde vorhanden und der Katalog an der Kasse zu kaufen war, hat der Generalsekretär, versehen mit der ihm zugeteilten Portion gesunden Volksempfindens, messerscharf geschlossen, daß hier ein skandalöser Fall von Nicht-Kunst vorlag, von Petzet leichthin und leichtfertig toleriert. Nach diesem Affront gegen die Traditionen altbayerischer Art und Kunst mußte jedem Staatsbürger klar sein, daß Petzet sich als Denkmalpfleger disqualifiziert hatte. Sein unverantwortlicher Umgang mit Konserven zweifelhaften Inhalts ließ das Schlimmste fürchten für den Fall, daß man ihm das Konservieren von Kulturdenkmälern anvertrauen würde.

Kenner bayerischer Gehirnwindungen werden mit Recht vermuten, daß hinter der CSU-offiziösen Verlautbarung reaktionären Kunstverständnisses Hintersinn verborgen sein muß. Eine mögliche Erklärung ist, daß einflußreiche Kreise in der CSU lieber einen Gegenkandidaten Petzets auf dem Denkmalpfleger-Stuhl gesehen hätten und nun mangels sachlicher Argumente den Volkszorn zu schüren versuchten. Eine andere und wahrscheinlichere ist die, daß Petzet im Verlauf der derzeitigen Machtprobe zwischen Strauß und der Regierung zufällig, aber im richtigen Moment in die Schußlinie gelaufen ist. Aus welchem Grund sonst sollte man sich über die Besetzung eines politisch eher zweitrangigen Postens so ereifern?

Wie dem auch immer sei, eines ist sicher: Bei den allseitigen Anstrengungen, das Repertoire politischer Geschmacklosigkeiten zu erweitern, ist die CSU den anderen wieder ein Stück voraus.

Helmut Schneider