Von Wolf Donner

Ein drolliges Kerlchen ist dieser Frank Serpico. Zugewachsen wie St. Nikolaus, mit Troddeln, Ketten, irren Farben und phantastischen Stoffen angetan, marschiert er vornübergebeugt durch New York, wippt lustig dabei, pfeift und singt gern. Er ist nicht nur Polizist, sondern studiert nebenbei. Seine Wohnung am feudalen Washington Square ist voll von komischem Viehzeug. Manchmal liest er Camus oder hört Bach. Er muß eitel und reich sein, denn in jeder Szene taucht er in neuen, abenteuerlichen Gewandungen auf: ein Boutiquen-Dressman. Mit Mädchen hat er berufsbedingte Schwierigkeiten. Aber alle lieben ihn.

Serpico ist gut erzogen, nett, ein aufmerksamer Sohn, zu allen freundlich. Er wird uns auf Teufel komm raus sympathisch gemacht: ein liebenswerter Kauz mit großen unschuldigen Augen, der nichts will als ein guter Cop sein („cops“ werden in Amerika die Polizisten genannt). Doch die Verhältnisse, die sind nicht so: Die amerikanische Polizei ist korrupt und morsch bis in die Knochen. Und so wird das Hohelied vom braven Cop zur Legende von einem verbiesterten Märtyrer. Serpico verweigert sich den kleinen und den großen Schiebereien seiner Kollegen, macht sich zunehmend unbeliebt und läßt am Ende einen Ring von Korruption auffliegen, dessen Verästelungen bis ins Büro des Bürgermeisters reichen.

Man braucht einige Zeit, um hinter die glitzernde Folie von Sidney Lumets aufgekratzter, an Comics orientierter Regie, von Mikis Theodorakis’ süßem Musikbrei und von Al Pacinos Spiel zu schauen, das sichtlich nach Dustin Hoffman und zum Oscar schielt. Hinter der netten Fassade des Serpico kommt dann eine seltsam zwiespältige Figur zum Vorschein, stur, egomanisch, sehr selbstgerecht, geradezu krankhaft besessen von der Idee des straight way, der Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Integrität, Ordnung, Gesetzestreue.

Serpico ist der in Amerika erfolgreichste Film der Cop-Welle. „Dirty Harry“, „Brennpunkt Brooklyn“, „Polizeirevier Los Angeles Ost“, die Shaft-Serie, „Harley Davidson 344“, „Wie ein Panther in der Nacht“, „Straße zum Jenseits“, „Calahan“, „Massenmord in San Franzisko“, „Ein Mann geht über Leichen“, „Treffpunkt Central-Park“, „Die Seven Ups“: Selten hat ein Trivialgenre so schnell und direkt ein politischsoziales Klima eingefangen wie diese modernen Räuber-und-Gendarm-Spiele.

Amerika, das verkünden sie alle, ist total kaputt und verrottet, ein moralischer Schutthaufen, Dirty-Harry-Gefilde. Ein Desaster, in dem die Polizei als eine Art Müllabfuhr fungiert: Die wackeren Cops bewegen sich in Slums, tristen Vorstädten, finsteren Bars, Mafia-Villen und Unterwelt-Kaschemmen, unter jugendlichen Gammlern, Fixern, Huren, Außenseitern. Die Verbrecher sind vorzugsweise Schwarze, Schwule, Perverse, Zuhälter, Strichjungen, Dekadente – Typen, die fies genug sind, um uns von unserer Gleichgültigkeit zu dispensieren, wenn sie von den Hütern des Gesetzes zusammengeschlagen oder abgeknallt werden. Mitleid verdienen sie nicht.

Cop-Filme sind zur Schule der Nation geworden, sie erziehen ihr Publikum zur moralischen und emotionalen Indifferenz gegenüber jeder Form von Brutalität, illegaler Gewalt, Mord. Wenn die Cops töten, so ist das kalte, wertfreie Routine, eine ganz unpersönlich absolvierte Dreckarbeit zum Wohle der Allgemeinheit. Wie die Müllabfuhr. Die Frage der eigenen Legitimation oder der pathologischen Assimilierung an das Berufsmilieu, in Filmen wie „Bullitt“ oder „Brennpunkt Brooklyn“ noch das zentrale Thema, stellt sich nicht mehr. Rasen die Cops in den für das Genre obligaten Verfolgungsjagden hinter ihren Opfern her, so ist es ein zusätzliches Aroma dieser Super-Action-Szenen geworden, daß sie gnadenlos über belebte Straßen, Marktplätze oder in ein Gebäude hineinfahren und links und rechts die Passanten durch die Luft fliegen.