Neunzig Studenten wurden letzte Woche festgenommen von einer zweihundert Mann starken Polizeitruppe, die in den Campus der Universität Essex in Colchester einbrach. "Das ist das Schlimmste, was ich je an einer Universität erlebt habe", sagte Stewart Paul, Vizepräsident des eigentlich nicht chaotischen britischen Studentenverbandes.

An Englands Universitäten ist das turbulenteste Trimester seit 1968 zu Ende gegangen. Und an der Universität Essex zieht es sich sogar in die sonst doch auch von Studenten gern respektierten Ferien hinein.

Einen solchen Zusammenstoß zwischen Studenten und Polizei hat es nach 1968 an keiner europäischen Universität mehr gegeben; weder in Deutschland noch in Dänemark noch in Holland – in keinem der drei Länder also, in denen nach den Berichten des "International Council of the University Emergency", der sich umtaufte in "international Council on the Future of the University", die akademische Lage besonders kritisch ist.

Und nun ausgerechnet in England! Jeder, der dabei war, erinnert sich, wie letztes Jahr auf der Tagung des "International Council" in Venedig Professoren aus aller Herren Ländern sich geradezu neiderfüllt die Berichte der britischen Kollegen anhörten: No trouble at British Universities.

Jetzt auf einmal das. Dabei ist Essex zwar der bisher spektakulärste, aber nicht der einzige Fall. Es geht nicht nur um eine Miniuniversität in der englischen Provinz dort, wo sie am schrecklichsten ist. Auch die Universität Oxford, soziologisch gesehen der Antipode von Essex, hat ein außergewöhnliches Trimester mit Polizeieinsätzen und Barrikaden und immer wieder gestörten Disziplinarverfahren hinter sich.

London erlebte im Februar die größte Studentendemonstration, die es je gab. Fünfundzwanzigtausend marschierten. Es lief alles einigermaßen friedlich ab.

Was wirklich passiert ist, werden wir nächstes Jahr, mit akademischer Gründlichkeit dokumentiert, erfahren. Wer nicht dabei war, sollte sich mit Urteilen zurückhalten.