Von Gottfried Sello

Die Menschheit ist mittelmäßig. Die meisten Frauen sind den meisten Männern weder überlegen noch unterlegen. Beide sind gleich. Beide verdienen dieselbe Verachtung.“ So beginnt das „Manifest der futuristischen Frau“. Es geht schrecklich weiter: „Möge die Frau ihre Grausamkeit, ihre Heftigkeit wiederfinden, die sie auf den Besiegten losstürzen läßt, weil er eben besiegt ist, die sie so weit treibt, ihn zu verstümmeln ... Frauen, ihr waret zu lange in Moral und Vorurteilen irrgläubig; kehrt zurück zu eurem erhabenen Instinkt, zur Wildheit, zur Grausamkeit.“ Und so etwas wurde gedruckt, Herwarth Walden mit seinem Sinn für das Extravagante druckte es im Berliner „Sturm“, Mai 1912. Die Verfasserin heißt Valentine de Saint-Point, sie hat „Poèmes d’ orgueil“ veröffentlicht und betrieb Emanzipation auf futuristisch.

Der Futurismus besteht weitgehend aus Manifesten. Keine Künstlergruppe hat so viel manifestiert, deklamiert, deklariert, programmiert, propagiert (die eigene Sache, die futuristische Idee). Man fragt sich manchmal, wann die Leute eigentlich Zeit hatten, zu arbeiten. Der Futurismus war in erster Linie eine Weltanschauung, aber was für eine! Er sei „eine ethische Konzeption des Menschen und der Gesellschaft“, hat Professor Fubini in einem Vortrag beim Steirer Herbst in Graz 1973 erklärt.

Eine ethische Konzeption? Das ist, gelinde gesagt, die liebenswürdige Fehlinterpretation eines Italieners, der sich für seine Landsleute, für die reine Weste der Futuristen ins Zeug legte. In den futuristischen Manifesten tönt es blutrünstig, antihuman, sie insistieren auf Gewalt, auf Grausamkeit, in dieser Hinsicht besteht kein Unterschied zwischen der futuristischen Frau und dem futuristischen Mann. Marinetti, der Wortführer (obgleich auch die andern nicht gerade wortkarg waren) und der Erfinder des Futurismus, hat Ungeheuerlichkeiten zum besten gegeben. Er hat den Krieg herbeigesehnt, und als er endlich da war, hat er seine Freunde beschworen, „an diesem herrlichen Weltenbrand mitzuarbeiten“, mit der Waffe, aber auch und sogar mit dem Pinsel. Er hat sich schließlich mit Mussolini verbrüdert und die Liaison zwischen Faschismus und Futurismus zustande gebracht, die für den Futurismus das künstlerische Ende signalisierte (sagen die einen), die ihn im demokratischen Europa derart disqualifizierte, daß Futurismus über Jahrzehnte vergessen, ausgelöscht war. Nach einer dritten Version hat der futuristisch-faschistische Pakt Schlimmes verhindert: In Italien ist moderne Kunst nie verfemt und verfolgt worden wie im „Dritten Reich“.

Andererseits: der Futurismus gilt heute, und beinahe unbestritten, als der wichtigste oder sogar als der einzige Beitrag Italiens zur europäischen Kunst des 20. Jahrhunderts. Die Quarantäne, die dank Marinetti und seiner faschistischen Ideologie über ihn verhängt wurde, ist aufgehoben. Er darf wieder gesehen werden, und er wird gesehen, in ganz Europa. Allein in den letzten zwei Jahren gab es mehrere internationale Großveranstaltungen. Erst in Rom und in London, dann schaltete Paris sich ein. Das „Musée National d’Art Moderne“ brachte eine repräsentative Auswahl wichtiger futuristischer Werke zusammen, mit einigen Änderungen und Akzentverschiebungen. In Mailand hieß die Ausstellung „Boccioni und seine Zeit“. In Düsseldorf wird die Rolle des römischen Futuristen Balla hervorgehoben, auch wenn sein Name nicht im Titel erscheint. „Futurismus 1909–1917“: Der Zeitraum ist wichtig, nur die erste Futurismus-Welle wird dargestellt, nicht das faschistische Nachspiel, nicht die politischen Irrwege, wobei man gerechterweise schon differenzieren sollte. Nicht alle Futuristen sind dem Schriftsteller Marinetti und seinen Parolen aufgesessen. Severini blieb in Paris und malte Akademisch-Klassizistisches. Carrà ist ein großer Maler der Pittura Metafisica geworden, Boccioni ist 1916 im Krieg ums Leben gekommen.

Die Düsseldorfer Kunsthalle zeigt diese erste Phase des Futurismus besser, ausführlicher, als man das bisher in der Bundesrepublik gesehen hat, rund 160 Arbeiten von den Hauptmeistern, aber auch von Randfiguren wie Sironi, Sofici, Prampolini. Eine denk- und sehenswürdige Darbietung, eine notwendige Orientierungshilfe speziell für die deutsche Öffentlichkeit, weil die deutschen Museen so gut wie überhaupt keine futuristischen Werke besitzen.

Aber auch Düsseldorf hat das Dilemma jeder Futurismus-Ausstellung nicht lösen können: Wie läßt sich Futurismus als „Bewegung“, als leidenschaftlicher, anarchistischer Ansatz zur Weltveränderung, zur permanenten Kulturrevolution zur Darstellung bringen? Man sieht Malerei und Plastik, die Bewegung wird auf eine Stilbewegung reduziert, eine unter vielen: Futurismus wird, unter formalem Aspekt, nur noch als die italienische Variante zum Kubismus gesehen. Die Künstler, die gegen das Museum, gegen die „Kunst großgeschrieben“ protestiert haben, kommen genau an den Ort, den sie verachtet haben, ins Museum. Futurismus als Weltanschauung, als Bewegung wird im Katalog nachgeliefert, wo die Manifeste und Dokumente gesammelt sind.