Bangkok, im März

Bangkok, Vorstadt. Heruntergekommene, zweistöckige Häuser, dunkle Ladenhöhlen zu ebener Erde, kleine Werkstätten, tobender Verkehr. Ein Eckladen ist jetzt Büro. Auf Bastmatten hocken Oberschüler in ihren blauweißen Schuluniformen, lachen, schwatzen, diskutieren. Auf eine Wandtafel hat jemand in kalligraphischen Schnörkeln ein Gedicht geschrieben, das die romantische Verklärung ländlicher Armut beklagt und fordert: „Was wir brauchen, das sind Freiheit und Brot.“ An der Wand gegenüber leuchtet ein übergroßes rotes Fragezeichen – ein Symbol für den derzeitigen Zustand Thailands.

Das Vorstadtbüro beherbergt das Hauptquartier der People for Democracy – jener Organisation, die als Speerspitze der thailändischen Studentenrevolution gilt. Rege Geschäftigkeit herrscht dort. Die Aktivität beweist: Die Studentenbewegung hat sich nicht totgelaufen – trotz ihrer Erfolge. Immerhin ist es dieser Bewegung gelungen, im Oktober vergangenen Jahres, wenn auch mehr durch Zufall, die Militärdiktatur zu stürzen und das scheinbar allmächtige „Trio“, den Ministerpräsidenten Feldmarschall Thanom Kittikachorn, den Innenminister Feldmarschall Prapass Charusathiara und dessen Schwiegersohn, den Sohn des Ministerpräsidenten Narong Kittikachorn, aus dem Lande zu jagen.

Zwar macht sich die Studentenbewegung in diesen Tagen nicht mit spektakulären Aktionen bemerkbar wie vor einigen Wochen, als der aus dem ungeliebten Japan kommende Ministerpräsident Tanaka hier zu Besuch war. Aber die zersplitterten Studentenorganisationen halten sich bereit, schon morgen ein neues Bündnis einzugehen.

Die scheinbar sorglose Atmosphäre im Hauptquartier der People for Democracy ist irreführend – trügerisch wie die friedliche Fassade, mit der sich Bangkok auch den Touristenscharen präsentiert. Unter der brüchigen Oberfläche steigt die Spannung in der thailändischen Hauptstadt von Tag zu Tag. Unzufriedenheit und Unsicherheit haben die Sorge in die Gesichter der ewig lächelnden Thais getrieben. Der kleine Mann fühlt sich ohnmächtig angesichts steigender Kriminalität, zunehmender Korruption und davonlaufenden Preisen. Die Menschen, die in langen Schlangen vor den staatlichen Reisverkaufsstellen stehen, sehen nicht eben wie Spekulanten aus, die den billigen Staatsreis auf dem freien Markt weiterverkaufen, wie von manch einem der Herrschenden gern behauptet wird. Der Boden für jene, die law and order zu garantieren scheinen, ist bereitet.

Während auf dem Lande das Leben fern von aller Politik seinen traditionellen Lauf nimmt, starren die Städter gespannt auf das Morgen. Und nur diejenigen blicken mit hartnäckiger, fast verzweifelter Hoffnung auf das Übermorgen, die früher einflußreich waren und heute immer noch einflußreich sind. Die meisten von ihnen waren mit der alten Clique der Herrschenden verfilzt, und sie zogen ihren Nutzen daraus. Nun scheint sich das Blatt gewendet zu haben: Schon aus Eigeninteresse drängen sie deshalb, den ihnen von den Studenten geschaffenen Spielraum auszunutzen und die neugewonnene Freiheit, nicht zuletzt ihre eigene, in einer demokratischen Verfassung festzuschreiben. Aber die neue, alte Elite des Landes, zu der lediglich einige der jungen cleveren Professoren der Thammasat- und Chulalungkorn-Universitäten gestoßen sind, berät über eine Verfassung, die den Interessen eines Volkes dienen soll, das zu neunzig Prozent einer anderen Schicht und einer anderen Welt angehört als sie selber. 36 der 299 nicht gewählten, sondern ernannten Mitglieder der provisorischen Nationalversammlung sind Vertreter der ehemals herrschenden Clique der Militärs, die übrigen Beamte, Geschäftsleute, Professoren. Die meisten haben viel zu verlieren, Besitztümer, die sie sich erwarben, als noch das „Trio“ herrschte.

Im goldprotzenden Saal des im Opé0ra-Stil erbauten Parlaments plädieren sie in artiger Rede für wirklichkeitsbezogenere, klarere Formulierungen des Verfassungsentwurfes, der sich in vagen blumigen Artikeln verliert und dem thailändischen Volk auferlegt, die angestrebten Wahlen „in reinem Gewissen und für das allgemeine Wohl“ zu absolvieren.