Von Wolfram Siebeck

Mochten auch die Standlfrauen auf dem Münchener Viktualienmarkt den nackten Sprintern ein aufgebrachtes "Saubär, dreckata!" nachrufen; sah ein amerikanischer Professor im Schaurennen der Nackten gar einen "Angriff auf die dominierenden gesellschaftlichen Werte", so sind die Flitzer doch, alles in allem, eine harmlose Erscheinung.

Nicht allerdings für Anselm B. Kronberg, 43, Exhibitionist. "Nie in der Geschichte des Vorzeigens –" (wie alle Exhibitionisten bevorzugt A. B. Kronberg dieses Synonym) "– ist unser Tun derartig herabgewürdigt worden wie jetzt durch diese nackt herumrennenden Leute. Hier haben Sie ein Musterbeispiel für die in unserer Zeit überall zu beobachtende Verflachung und Kommerzialisierung individueller Ausdrucksformen!" Anselm B. Kronberg nestelte erregt an seinen Knöpfen. In der Ferne hörte man das Trappeln eiliger Füße auf dem Straßenpflaster.

"Es vergeht keine Minute", fuhr der Altexhibitionist fort, "daß nicht einer oder mehrere Flitzer versuchten, uns lächerlich zu machen. Da hat man jahrelang vorgezeigt unter Bedingungen, die mehr als riskant waren. Wie stolz war man, wenn die ersten Zeitungsberichte über einen erschienen. Fünf Zeilen auf der Lokalseite, das war schon was! Und wenn man dort auch noch als ‚Schamverletzer‘ bezeichnet wurde – ahhh!" Anselm B. Kronberg schloß die Augen. "Ruhm hat nun mal etwas Berauschendes!" setzte er wie entschuldigend hinzu. "Ich habe übrigens eine Schuhlade voll Zeitungsausschnitte. Wenn es Sie interessiert ...?"

Wir lenkten seine Aufmerksamkeit auf einen Flitzer, der, nur mit Socken und Schuhen bekleidet, aus der Tür eines Kaufhauses rannte und in ein bereitstehendes Auto sprang, das sofort davonfuhr. Unser Gesprächspartner wandte angewidert den Kopf.

"Kaufhaus! Das sagt doch alles. Können Sie sich vorstellen, daß so einer stundenlang, hinter einem Busch im Park wartet? Daß er sich sorgfältig aussucht, wem er vorzeigt?" Wir konnten es nicht. "Auf den richtigen Zuschauer kommt es an! Erst wenn Sie den gefunden haben, heißt es: Mantel auf! – McLuhan hat gesagt, Flitzen sei eine Art Kunst. Genau das aber ist es nicht! Es ist banal, es ist Effekthascherei, es ist nackter Dilettantismus. Künstler hingegen finden Sie bei uns. Wenn wir nur einen Bruchteil der Publicity hätten, die die da bekommen..." Er deutete verächtlich auf eine Gruppe nackter Jünglinge, die in diesem Moment an einigen Pressephotographen vorbeirannten.

"Wissen Sie, wie lange ich gebraucht habe, bis ich als ‚Unhold vom Herzogpark‘ bekannt war? Vier Jahre! Und was für Jahre waren das! Allein das Training: Mantel auf, Mantel zu; Mantel auf, Mantel zu – jeden Tag zwei Stunden. Dann die Lehrzeit auf dem Friedhof, vormittags, wenn nur die Omas und die Rentnerinnen da waren. Das war noch relativ einfach, wenn auch nicht sehr befriedigend; künstlerisch, meine ich. Dann wurde ich sicherer, kriegte die Feinheiten raus und entwickelte meinen eigenen Stil. Ah –" schwärmte er, von der Erinnerung überwältigt, "der Aufschrei einer Lehrerin, wenn sie ihr geparktes Auto verlassen will, und Sie stehen vor ihr ... Die zwei Sekunden, in denen bei einer jungen Hausfrau der Herzschlag aussetzt, wenn Sie an ihrer Tür läuten und den Mantel öffnen – das alles sind Momente, die diese Kerle nie erleben werden!" Und mit allen Anzeichen des Abscheus umklammerte er die Gitter seines Zellenfensters und rief einem vorbeirennenden Flitzer zu: "Saubär, dreckata!"