Die Reform der hessischen Lehrpläne begann bereits vor sieben Jahren. Am 18. Januar 1967 wies Ministerpräsident August Zinn in seiner Regierungserklärung darauf hin, daß die Umwandlung des dreigliedrigen Schulsystems mit Haupt-, Real- und Oberschulen in Gesamtschulen mit der Sekundarstufe I (5. bis 10. Schuljahr) und der Sekundarstufe II (11. bis 13. Schuljahr) durch eine Revision der Bildungsinhalte ergänzt werden müsse.

Diese vollzog sich in Hessen in zwei Phasen: Mehrere selbständige Kommissionen aus Lehrern und Wissenschaftlern arbeiteten bis Ende 1970 daran, neue Curricula zu formulieren. Da aber bis zu diesem Zeitpunkt keine brauchbaren Vorschläge zustande kamen, übernahm das Kultusministerium die zentrale Planung und bildete Adhoc-Gruppen. Im Oktober 1972 legte das Ministerium neue Rahmenrichtlinien (RR) für zahlreiche Fächer der Primarstufe (1. bis 4. Schuljahr) und der Sekundarstufe I vor.

Die Richtlinien für Deutsch in den Klassen fünf bis zehn (Kürzel: RR D S I) wurden von einer Gruppe aus zwölf Pädagogen verfaßt, die das Kultusministerium berufen hatte. Geleitet wurde die Gruppe von Hubert Ivo, dem Direktor des Helene-Lange-Gymnasiums in Wiesbaden und jetzigen Didaktik-Professor an der Universität Frankfurt. Die erste Vorlage der Kommission (auch Entwurf A genannt) war ein theoretisches Konzept und erregte anfangs keinerlei Aufsehen. Erst am 31. Januar 1973 begann die FDP, der Koalitionspartner der Wiesbadener Regierung, mit einer Großen Anfrage im Landtag die Debatte über die RR D S I. Das war der Anfang der erbitterten bundesweiten Diskussion. Die Freien Demokraten verlangten von Kultusminister Ludwig von Friedeburg, die Gruppe um Hubert Ivo durch drei von der FDP benannte Personen zu ergänzen. Im März 1973 akzeptierte Friedeburg diese Forderung.

Die neue Gruppe erarbeitete eine zweite Vorlage (Entwurf B), die vor allem sieben praktische Unterrichtsbeispiele enthält (zum Beispiel Fernsehen und Wirklichkeit, Lektüreauswahl „Die Judenbuche“, Sprache und Recht). Trotz dieses Erfolgs sprachen sich FDP-Abgeordnete wiederholt für Ivos Rücktritt und dafür aus, die Gruppe noch einmal durch zwei von der FDP vorgeschlagene Mitglieder zu ergänzen. Hubert Ivo trat am 30. November 1973 von der Gruppenleitung zurück und legte die Mitarbeit an den RR am 12. Februar dieses Jahres ganz nieder. Seine Begründung: „Eine Reformarbeit, die auf die reale Situation der Mehrheit der Bevölkerung und das heißt auf die der lohnabhängig Arbeitenden wirklich nicht nur verbal eingeht, ist nicht mehr möglich.“ Mit Ivo traten Eckehard Mittelberg, Pädagogischer Leiter an einer Gesamtschule, und die Gymnasiallehrerin Sabine Richter-Rauch zurück.

Inzwischen wurde die Gruppe, die jetzt von Erika Dingeldey, der Fachleiterin für Deutsch am Studienseminar Offenbach, geleitet wird, auf 14 Mitglieder erweitert (davon wurden zwei von der FDP benannt) und arbeitet wieder. Der Entwurf A wurde vom Ministerium zurückgezogen, der Entwurf B (Friedeburg: „Auch diese neue Ausgabe wird nicht der letzte Text bleiben“) wird erprobt. Dennoch sind die Schwierigkeiten mit den Rahmenrichtlinien für Deutsch nicht behoben. Zentrale Probleme wie die der Hochsprache und der Kompensatorik wurden ausgeklammert; fraglich ist, ob die künftigen Vorlagen dem Programm des Entwurfs A genügen werden; außer der Ablehnung der CDU muß Friedeburg jetzt auch Widerstand von links, von Jusos, einzelnen SPD-Lehrern, Gewerkschaftlern, Schülern und Professoren fürchten, und die FDP besteht weiterhin auf Änderungen; die Erprobung der RR in den Schulen setzt nur zögernd ein und ist bis heute nicht umfassend genug; schließlich sind die RR in dem jetzt beginnenden Landtagswahlkampf eines der umstrittensten Themen – wenn nicht gar das entscheidende. H. M.