Von Ursula von Kardorff

Der Atem blieb mir stehen, als das Schiff langsam in den kleinen Hafen einfuhr. Eine Traumvision, in solcher Vollendung nie geträumt: rosagold Kathedrale und Kastell, saphir der Himmel, darunter die Stadt schwarz-weiß, wie von Manet entworfen. Weiß die Häuser, die sich die Gassen hochwinden, und die gestärkten Kleider der kleinen Sonntagsmädchen auf der Hafenpromenade, schwarz die Gitter der Balkons, die Gewänder der Priester und die Witwen, Tücher über den Kopf gezogen, weißgrau der Staub auf den Treppenstraßen, rosa-ocker die vornehmen Adelspaläste, violett das Gewand des Bischofs, tieflila die blühenden, hängenden wuchernden Bougainvillen, rosa der Oleander.

Am Hafen stand Emilio, Pächter des Hotels El Corsario, das oben unter der Kathedrale liegt, und holte mich ab. Von der Terrasse dieses Hauses, das auf griechischen Grundmauern und mittelalterlichen Stockwerken modern umgebaut wurde, ging der Blick hinunter auf Stadt, Hafen, Meer und die vorgelagerte Halbinsel Talamanca mit ihren wenigen winzigen Häusern.

Abends leuchteten nur wenige geheimnisvoll blinkende Lichter, tuckerten leise die Motoren der ausfahrenden Fischerboote, war Ruhe. Morgens weckte Hahnenschrei und Glockenschlag die Schlafenden. Das Essen schmeckte vorzüglich, den Wein gab es gratis, à discretion. Die Kellner freundlich, nicht trinkgeldsüchtig, spanische Herren. Tagsüber ging man in die Buchten unterhalb der Stadt schwimmen, machte Spaziergänge durch die menschenleere Landschaft, Hügel mit Ginster, Pinien und Kiefern bewachsen (Pityusus hatten die Griechen die Insel getauft, die Kiefernbewachsene). Ein Duft von Thymian, Wacholder, Rosmarin lag in der sonnenflimmernden Luft, gekühlt durch leichte Meeresbrisen. Schwarze Schweine liefen zwischen Hühnern herum, Eselskarren zogen bergauf. Alle Frauen der Insel gingen in Tracht, lange plissierte Röcke, Goya-artige Schoßjacken, unter dem Kopftuch der Zopf mit einer Schleife gebunden, Goldgehänge an den Ohren, seidene Schürzen; Fischer und Bauern trugen schwarze Hemden und Hosen und breite Strohhüte. Sanfte, stolze, gastfreie Menschen.

Anderntags wanderte man hinunter durch das griechische Tor und die Festungsmauern zum Hafentheater. Gelegentlich fuhren Schiffe ab mit Sirenengetön und Abschiedsgeschrei. In den kleinen Kneipen – das Glas Wein kostete drei Pfennig – sprach jedermann mit jedermann: Engländer, Franzosen, Deutsche, Ägypter, Spanier, Schwarze und Weiße, Reiche und Arme, Künstler, Schriftsteller, Filmmenschen, Gescheiterte, Erfolgreiche, Verrückte und Individualisten. Hatten sie ihre Lebenslügen erzählt, wurden sie durchsichtig wie Neonfische im Aquarium. Die Wahrheit blieb niemals verborgen. Ernesto kam dazu, mager, offenes Hemd, dunkellockig, einen zerfransten Strohhut aus Kolumbien auf dem Kopf, unter dem Arm dieMappe mit Bildern und Zeichnungen seiner Maler, die er verkaufte.

Weiß glänzte Mondschein über Meer und geisterhafte Gassen, schwarz huschten Katzen. Stille. Irgendwo ertönte Gitarrenspiel und ließ an Frederico García Lorca denken: Die Gitarre / bringt die Träume zum Weinen / Das Schluchzen der verlorenen / Seelen / entweicht aus ihrem runden / Munde / Sie weht, wie die Tarantel / sich einen großen Stern / um Seufzer zu erjagen / die auf Schwärze treiben / in ihren Holzzisternen.

Karger, bitterer Boden, nichts von italienischer Anmut. Strenge und Schönheit. Am Hafen lagen die braunen Netze wie Riesenfische zum Trocknen aus. Ab und zu knarrte ein uraltes Taxi vorüber. Im Wasser tummelten sich Fische um ein Stück Brot. Gelb-glüh-rosa-mauve ging die Sonne unter.