Von Richard Schmid

Als Stück einer Serie über Europäische Geschichte (Oxford History of Modern Europe) ist der erste Band über Frankreich erschienen:

Theodore Zeldin: „France 1848–1945“; Volume 1: „Ambition, Love and Politics“; Clarendon Press/Oxford University Press; London 1973, 823 Seiten, 6,00 £.

Da mit dem Buch ein mutiges, originelles und erfolgreiches historisches Verfahren eingeführt wird, sei hier schon über die englische Ausgabe berichtet. Ein englischer Besprecher des Buches hat die historische Methode Professor Zeldins mit der epischen Balzacs verglichen: breit und langsam die Situationen und die handelnden Personen schildern, auch wenn sie vorerst unbedeutend scheinen. Aber dann verenge sich auf einmal die Perspektive, und mit größter Intensität und Spannung werden Zusammenhänge, Schicksale, Entwicklungen deutlich und lebendig. Auch ein anderer Vergleich liegt nahe: Wie der gute Landwirt die chemische Zusammensetzung und das biologische Leben des Bodens kennen sollte, ehe er ihn bearbeitet, so muß auch der Historiker den Mutterboden untersuchen, aus dem die Geschichte wächst – Qualität und Ergiebigkeit seiner Ernte hängen davon ab.

Zeldin untersucht den sozialen Mutterboden der französischen Geschichte des im Jahre 1945 abgelaufenen, höchst bewegten Jahrhunderts, wobei die soziologischen und die historischen Elemente manchmal fast ununterscheidbar werden: zum Beispiel dort, wo er die Entwicklung der Familie und die Rolle der Frau in den einzelnen Schichten und Perioden behandelt. Tatsächlich erscheint die Schilderung im einzelnen manchmal kleinkariert – pedestrian, wie der Engländer sagt –, so, wenn er die soziale Schichtung oder die Schulverhältnisse einzelner Dörfer oder Landschaften, über die er Spezialuntersuchungen gefunden hat, wiedergibt oder die Herkunft, den Bildungs- und Berufsweg, das Vermögen einschließlich der Mitgift der Frau eines regional oder national wichtig gewordenen Mannes. Aber die Steinchen fügen sich zu einem Bild, von dessen Nähe zur Wirklichkeit man sich in steigendem Maße überzeugen läßt und das auch in der oder jener Form sich historisch abzeichnet, so daß die Auswahl aus der Überfülle der Fakten ihre Willkürlichkeit verliert.

Der Untertitel des ersten Bandes läßt die Breite der Untersuchung nicht erkennen, in deren Mitte die Begriffe des Bourgeois und der Bourgeoisie stehen, die mehr als anderswo sowohl die Geistesart der Franzosen als auch die Schwerpunkte der politischen Macht in Frankreich kennzeichnen. Die Bourgeoisie hat im Jahre 1789 gesiegt; und schon im Jahre 1791 hat sie das gefährliche Assoziationsrecht der Arbeiter gesetzlich wieder unterdrückt, wobei es bis in die sechziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts geblieben ist. Wie sich die Gestalt des Bourgeois ausgeprägt hat, welche einzelnen Varianten und welche sozialen Rand- und Gegenschichten sich erhalten oder neu gebildet oder zu bilden versucht haben: das ist’s, was das Buch in guter Ordnung, mit viel Fakten und wenig Theorie sichtbar macht. Der Ideologie und der Rolle der Intellektuellen ist – mit Ausnahme der sogenannten Utopisten – der zweite Band vorbehalten.

Die Wertordnung der Bourgeoisie gruppiert sich um Eigentum, Geld, Sicherheit. Wie das in die einzelnen Schichten und Berufe ausstrahlt, in die Erziehung und Berufswahl, in die Familie und das Verhältnis zur Frau, in die Parteipolitik, in das Verhältnis zum alten und zum weniger alten Adel – das wirft viel Licht und stellenweise auch viel Farbe auf unser historisches Bild von Frankreich, auch des heutigen.