Noch im Jahr 1930, Georges Rouault war damals fast sechzig Jahre alt, verweigerte der Unterstaatssekretär für Schöne Künste den Ankauf eines Gemäldes von diesem Künstler für ein staatliches Museum: Rouault, der Maler des Häßlichen und Schöpfer einer ganz und gar unschönen Kunst, war der höheren Weihen des Museums nicht würdig. Nach seinem Tode, im Jahr 1958, wurde Rouault dann feierlich zu Grabe getragen: Mit einem Staatsbegräbnis ehrte das offizielle Frankreich einen Großen der Malerei, einen Künstler, der seine eigene Vergangenheit schon längst begraben hatte und selbst wieder an die Schönheit glaubte, wenn auch weniger an die irdische als an die überirdische.

Rouaults Aufnahme in das Pantheon der französischen Kunst war nichtsdestoweniger ein Akt der Toleranz, der eine gehörige Portion Selbstüberwindung erforderte. Wie kein anderer hatte er die Tradition mit Füßen getreten, den Tugenden der Peinture abgeschworen. Er war der Wildeste unter den "Wilden", und auch später, als sein malerisches Ungestüm dann allmählich abgeklungen war, glomm unter der Oberfläche seiner Bilder noch manch dunkle Glut. Selbst nachdem diese erloschen und Rouaults Kunst ganz still geworden war, zu einem Zwiegespräch mit dem Absoluten, blieb der Maler in einem entscheidenden Punkt Häretiker: Er verleugnete zeitlebens das klassische Erbe der französischen Malerei von Poussin bis zum Impressionismus.

Rouault hat, mehr noch, in seinem Werk versucht, den Impressionismus, die Entdeckung der lichtdurchfluteten Welt, zurückzunehmen. So ist es nicht ohne Reiz, wenn das Münchner Haus der Kunst ausgerechnet im Impressionisten-Jahr 1974 eine Retrospektive des Anti-Impressionisten Rouault zeigt (die anschließend von den City Art Galleries in Manchester übernommene Ausstellung dauert bis zum 12. Mai).

Je älter Rouault wurde, desto problematischer wurde seine Malerei. Bernard Dorival, der die Auswahl besorgt hat, hielt sich an die Chronologie, ohne Akzente zu setzen – ein Verfahren, das Rouaults Werk in seiner quantitativen Dimension durchaus gerecht wird, nicht jedoch in seiner qualitativen. Die Proportionen stimmen, aber das Interesse fällt ab. Rouaults wichtiges druckgraphisches Werk, in der Hauptsache Radierungen, die zu Zyklen zusammengefaßt sind, wird lediglich zerstückelt dargeboten – nicht einmal die Blätter des "Miserere" sind vollständig ausgestellt.

Rouault wurde 1871 in Paris geboren, in einem Keller, während eines Bombardements, einen Tag vor dem Zusammenbruch des Aufstandes der Kommune. Sein Vater, Kunstschreiner, stammte aus der Bretagne, seine Mutter war Pariserin. Der Vierzehnjährige wurde zu einem Glasmaler in die Lehre gegeben, die praktische Erfahrung bei der Herstellung von Glasgemälden hat er später auf seine Malerei anwenden können. 1891 trat er in die "Ecole des Beaux-Arts" ein, Gustave Moreau wurde sein Lehrer, Henri Matisse und Albert Marquet waren seine Mitschüler. Die Freundschaft Moreaus, der Rouault für den Begabtesten seiner Klasse hielt, hat ihn zum Künstler gemacht: "Liebe zur Malerei bedeutet für ihn Liebe zu Moreau" (André Malraux).

Anfangs beeinflußt von Moreau, ohne ihn nachzuahmen, malte Rouault Historienbilder (ausgestellt ist "Coriolan im Haus des Tullus", 1894) und merkwürdig unfarbige Landschaften. Geschichte und Natur sind kurz nach der Jahrhundertwende plötzlich aus Rouaults Werk verschwunden. Gleichzeitig veränderte sich der Charakter seiner Malerei drastisch: Er entledigte sich sprunghaft jeglicher malerischer Wohlanständigkeit und startete zu jenem künstlerischen Amoklauf, der den gesitteten Liebhabern maßvoller Peinture auf lange Jahre das Fürchten lehrte.

Rouault, der nun das Aquarell und die Gouache auf Papier der Ölmalerei auf Leinwand vorzog, wurde zum Expressionisten avant la lettre. Zuckende Pinselhiebe durchwühlten die Bildfläche, auf der fahl leuchtende Farben irrlichterten. Und was für Farben: Blau in allen Schattierungen, bis hin zum Blauschwarz; dazu erdiges Rostrot; Dissonanzen aus giftigem Grün, wässrigem Blau und hellem Zinnoberrot; manchmal schlechterdings schmutzige Farben, ein Gemisch aus Braun, Rot und Schwarz. Vor allem abstoßend häßliche Fleischtöne, dafür stand ihm eine nuancierte Skala zur Verfügung, von süßlichem Orange bis hin zu schreiendem Violett.