Von Rudolf Herlt

Ob sich Heinrich Irmler und Helmut Schlesinger schon auf die Debatten mit ihrem neuen Kollegen im Direktorium der Deutschen Bundesbank freuen? Bei den beiden Direktoriumsmitgliedern liegt die Hauptlast der Konjunkturpolitik, über die der künftige „Neue“ sicher einiges zu sagen haben wird. Der „Neue“ ist Professor Claus Köhler, Jahrgang 1928, Inhaber eines Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre an der Technischen Universität Hannover, und bis zum 28. Februar 1974 Mitglied des Sachverständigenrats.

Irmler und Schlesinger werden mit Recht einwenden, jede emotionale Regung aus Anlaß der Ankunft eines neunten Mitglieds im Direktorium eile den Ereignissen, weit voraus. Denn es ist noch völlig ungewiß, wann Claus Köhler in den Kreis jener Männer einrücken wird, bei denen die Zuständigkeit für die Geld- und Kreditpolitik im wesentlichen liegt. Das sind neben Präsident Karl Klasen und Vizepräsident Otmar Emminger Hans Georg Emde, Rolf Gocht, Heinrich Irmler, Werner Lucht, Helmut Schlesinger und Johannes Tüngeler. Keiner von ihnen scheidet aus. Die Bundesregierung will Claus Köhler als neuntes Mitglied vorschlagen, weil die vom Gesetz bestimmte Höchstzahl von Direktoriumsmitgliedern noch nicht erreicht ist.

Helmut Schmidt muß als zuständiger Minister seinen Vorschlag durch das Kabinett billigen lassen. Aber noch ehe es soweit war, sorgten berufliche Nachrichtenjäger für eine Verbreitung des Schmidt’schen Entschlusses.

Zwischen dem Entschluß, jemand für das Direktorium vorzuschlagen, und der Ernennung durch den Bundespräsidenten vergehen erfahrungsgemäß einige Monate. Erst muß das Kabinett den Vorschlag billigen, dann muß der Zentralbankrat angehört werden, ehe der Bundespräsident den neuen Mann für eine Amtszeit von acht Jahren ernennt. Bisher ist, wie man aus Bonn hört, noch nicht gehandelt worden, aber es könne als sicher gelten, daß Köhler vorgeschlagen wird. Interessierte Beobachter haben Köhlers Ausscheiden aus dem Sachverständigen am 28. Februar dieses Jahres mit seiner Berufung in das Direktorium in Zusammenhang gebracht. Doch das war, wie Köhler selbst erklärt, ein rein zufälliges Zusammentreffen. Er wäre nach fünf Jahren Mitgliedschaft in jedem Fall ausgeschieden. Das Gesetz sieht vor, daß zum 1. März jeweils ein altes Mitglied einem neuen Platz macht. „Ich halte davon sehr viel bekennt Köhler, der es für eine Gefahr hält, daß Mitglieder des Rats, die sich schon lange kennen, nicht mehr ein Konzept der Mitglieder, sondern ein Konzept des Rats entwickeln.

Außerdem habe jedes Ratsmitglied auch einen Hauptberuf. Eine zweite Fünfjahresperiode wollte Köhler seiner Universität nicht mehr zumuten. Schließlich war er leichtsinnig genug, ein Buch über Geldwirtschaft als „Band 1“ erscheinen zu lassen. Nun will er das Versprechen, zumindest einen zweiten Band zu schreiben, wahr machen. Ob er wohl dazu kommt, wenn er Mitglied des Direktoriums wird? Für Köhler ist das eine rein hypothetische Frage, zu der er sich nicht äußern mochte.

Freilich müßte er dann der Wissenschaft endgültig Adieu sagen, die ihn bisher mehr gereizt hat als jede praktische Tätigkeit. Als er 1950 mit einer Arbeit über „Die Bestimmungsgründe der Wechselkurse und die Antinomie ihrer Stabilisierung“ an der Freien Universität in Berlin promoviert hatte, ging er nach einem kurzen Zwischenspiel beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in die Bankpraxis. 1959 holten ihn einige Banken in den Vorstand der „AG für Grundbesitz und Handel“. Dort lernte er das Konsortialgeschäft gründlich kennen. Nebenher habilitierte er sich 1961 an der Technischen Universität Berlin mit einer Arbeit über den „Geldkreislauf“.