Aber für viele Drogenabhängige ist Kabul Endstation

Von Thomas Witecka

Nach drei Jahren Arbeit mit Drogensüchtigen bei Release Hamburg hatte ich den Wunsch, noch einmal in die Vergangenheit zu reisen, wo meine Drogenkarriere angefangen hatte; nach Afghanistan, nach Kabul, dem Dorado der Drogenszene. Ich mußte noch einmal zurück an den Ursprung, wo mit der Droge Opium der Aufbruch in Unbekanntes und Neues begonnen hatte – was ja zugleich auch Abkehr von Sicherheit und Wohlstand bedeutet hatte.

Vor meiner Abfahrt hieß es, das jugendliche Reisefieber zu den Ursprungsländern von Haschisch und Opium sei im Abnehmen begriffen. Ich war mir nicht mehr ganz sicher, ob der Reiz einer solchen Fahrt für die heutige neue Drogengeneration noch derselbe sein würde wie für uns vor fünf Jahren.

Aber schon mit der Ankunft in Istanbul wurde offenbar, daß eher das Gegenteil der Fall war: Der „Drogentrip“ hat noch immer nichts von seiner Attraktivität eingebüßt. In Istanbul trafen täglich neue „Vans“, Autos und Busse aus Amsterdam, London, Ulm, Bochum oder Dortmund ein. Die Jugendlichen waren auf dem Weg nach Osten: „Der Freiheit entgegen“, wie mir drei junge Kölner erklärten. „Von allem frei sein, von dem ganzen Scheiß zu Hause, und wofür, das kann sich doch erst unterwegs herausstellen.“

Der „Pudding-Shop“, ein Restaurant, in Istanbul, unweit der Sultan-Ahmed-Moschee und ein international bekannter Treffpunkt der „Travellers“, war auch außerhalb der Feriensaison mehr als gut besucht. Wegen der wachsenden Beliebtheit bei den Durchreisenden war er renoviert worden, eine weitgehend automatisierte Küche versorgt inzwischen die illustren Gäste. In der Feriensaison aber bricht dann der Laden trotz Modernisierungen unter dem Andrang fast zusammen.

Auffallend, wie viele deutsche Schüler der oberen Gymnasialklassen mal schnell in den Schulferien hierherkommen, um sich mit Haschisch, und härteren Drogen einzudecken, die sie in Istanbul um rund fünfzig Prozent billiger als in der Heimat bekommen. Und viele schaffen es tatsächlich, sich in kürzester Zeit in solche Abhängigkeit von Schießgiften zu bringen, daß man kein Hellseher sein muß, um vorauszusehen, daß danach der Einstieg in das neue Schuljahr durch einen harten Entzug belastet werden wird. Für manchen Schüler bedeuten diese Ferienvergnügungen auch zugleich das Ende seiner Schulzeit.